Landeskunde leicht zu lesen: Freie Fahrt für freie Bürger


Auto Headline

Kennen Sie Robert Louis Stevensons Geschichte "Der seltsame Fall von Dr. Jekyll und Mr. Hyde"? Der sympathische Arzt Dr. Jekyll erfindet ein geheimnisvolles Medikament. Immer wenn er es einnimmt, verwandelt er sich für eine Weile in den schrecklichen Mister Hyde, der am liebsten Böses tut.

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Auch so mancher nette, sympathische Deutsche wird zu einem anderen Menschen, sobald er hinter dem Lenkrad sitzt. Zum Beispiel unser Freund hier. Hören wir doch mal zu, was er gerade denkt:

Ach, was macht denn der Typ da vorne? Warum fährt er so langsam? Leider kann ich nicht überholen. Es ist zu viel Gegenverkehr. Ich muss hinter dieser "Schnecke" herfahren. Ich drücke auf die Lichthupe. Na los, mach schneller! Nun fährt er noch langsamer! Unglaublich! Na endlich ist die Gegenfahrbahn frei! Jetzt kann ich überholen. "Wofür brauchst du ein Auto? Geh zu Fuß, du Sonntagsfahrer!"

Herrlich! Nun kann ich so schnell fahren, wie es mir gefällt. Aber was ist da hinter mir? Ein schickes Cabrio. Der Mensch hat zuviel Geld! Warum fährt er so dicht auf? Das ist doch gefährlich! Ich darf so langsam fahren, wie ich will. Gut, dass gerade so viel Gegenverkehr ist. Da kann er nicht überholen. Er hupt. "Hahaha!" Wie er sich ärgert! Oh, jetzt überholt er doch! Unverschämtheit! "Hau ab, du Spinner!"

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Unser Freund ärgert sich noch eine Weile. Eine Viertelstunde später kommt er an seinem Ziel an. Er steigt aus seinem Auto und verwandelt sich in einen höflichen, freundlichen Menschen zurück.

Für viele Deutsche bedeutet "Auto" soviel wie "Freiheit". Unser Autobahnnetz ist 12.000 km lang. Auf 8000 km gibt es keine Geschwindigkeitsbeschränkung. Das ist einmalig in der Welt: Man darf so schnell fahren, wie man will. Oder besser: so schnell, wie man kann. Denn meistens kann man nicht. Staus mit zehn bis hundert Kilometern Länge sind keine Seltenheit.

Deutschland ist eines der verkehrsreichsten Länder der Erde. 82 Millionen Einwohner besitzen 43 Millionen Autos. Die Tendenz ist weiter steigend. Zieht man alle Leute ab, die noch nicht oder nicht mehr Auto fahren können, sitzt bald jeder Bürger in seinem eigenen Wagen.

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Das hat Folgen: Bei zweieinhalb Millionen Unfällen sterben jedes Jahr etwa 8000 Menschen. Mehr als eine halbe Million werden verletzt, viele davon schwer.

Im Sommer kommt es wegen der Abgase in den Städten manchmal zu Ozonalarm. Dann ist so viel Gift in der Luft, dass Kinder, Alte und Kranke per Radio gewarnt werden. Sie dürfen sich nicht zu lange und zu intensiv im Freien bewegen, sonst riskieren sie Lungenschäden.

Der Autoverkehr kostet Jahr für Jahr viele Milliarden Euro, er verbraucht wertvolle Ressourcen und er zerstört unsere Landschaft. Trotzdem ist das Auto das "liebste Kind" der Deutschen. Das liegt sicher auch daran, dass es viele Arbeitsplätze sichert. Aber noch wichtiger ist seine Bedeutung als Symbol für individuelle Freiheit.

Vielleicht kommen Sie ja mal nach Deutschland und begegnen im Straßenverkehr einem "Mr. Hyde". Bitte, geben Sie ihm eine zweite Chance! Sobald er sein Auto verlässt, verwandelt er sich ganz sicher in "Dr. Jekyll" zurück. Oder sagen wir: ziemlich sicher.



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elka: 08.02.2012 07:20:07