Wenn der Verleger wirklich vorbeikommt ...
Ernst Hueber auf Reisen
Mit seiner verlegerischen Tätigkeit verband mein Vater Ernst Hueber auch immer das Reisen. Und mit seiner Reisetätigkeit verbreitete sich sein Standardlehrwerk "Die deutsche Sprachlehre für Ausländer" von Schulz-Griesbach, genannt die "Nachtblaue" wegen des dunkelblauen Umschlags.
Aus heutiger Sicht sind die Reiseziele meines Vaters in besonderer Weise bemerkenswert.
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Während das Goethe-Institut in den 60er und 70er Jahren immer weitere Häuser eröffnete und vor allem im westlichen Ausland seine Fühler ausstreckte, reiste er in die entgegengesetzte Richtung, nämlich in die östlichen Nachbarländer - sein Geschäftsführer Roland Schäpers konzentrierte seine Aktivitäten vor allem auf das westliche Ausland.
Mein Vater hatte im zweiten Weltkrieg positive menschliche Erfahrungen gemacht und deshalb zog es ihn immer wieder in die Tschechoslowakei, nach Ungarn und Polen. Die Warschauer Buchmesse war einer der Fixpunkte im verlegerischen Kalenderjahr.
Selbstverständlich hatte er seinen Schulz-Griesbach immer im Reisegepäck.
Sprachschulen, Erwachsenenbildungsinstitute und Universitäten griffen gern nach einem Buch aus dem Westen, was offiziell wegen der Kulturabkommen mit der DDR und der Zusammenarbeit mit dem Herder-Institut eher verpönt war. Aber die Tatsache, dass Bücher aus der DDR mehr als öfter vergriffen waren, konnte mühelos den Kauf eines "Westbuches" rechtfertigen.
Was heute Kern der Politik des Goethe-Instituts ist, nämlich die pädagogische Arbeit in Mittelosteuropa, wurde vor mehr als zwanzig Jahren von meinem Vater bereits auf persönlicher Ebene mit viel Engagement - und mit der Genugtuung, einige Löcher im Eisernen Vorhang entdeckt zu haben - praktiziert. Die Folge war ein reger Austausch mit den Partnern dieser Länder, der mit privaten Einladungen und privater Unterbringung als freundschaftliche Geste verbunden war.
Aber auch nach Leipzig zog es ihn als Verleger, zur Leipziger Buchmesse, wo eine gut funktionierende Zusammenarbeit mit dem Enzyklopädie-Verlag trotz politischer Eiszeit etabliert wurde.
Ein besonderes Erlebnis meines Vaters mit seinem Schulz-Griesbach sei abschließend kurz erwähnt: Bekanntlich haben große Bucherfolge den Nachteil, dass sie eine besondere Verlegerspezies, nämlich die Raubdrucker, anziehen, die an dem Erfolgskuchen teilhaben möchten.
Kaum ein Buch im weltweiten DaF-Geschäft hat so viele Raubdrucker beschäftigt wie dieser Klassiker; die meisten Raubdrucke dürften meinem Vater gar nicht bekannt geworden sein. Mit einigen Ausnahmen aber, darunter Taiwan, das als Hochburg der Raubdrucker bekannt war.
Das reizte ihn so sehr, dass er sich nach Asien auf den Weg machte. Er suchte den Buchhändler auf und machte ihn auf die Unrechtmäßigkeit seines Tuns aufmerksam, worauf dieser nach einer kurzen Schrecksekunde nur bemerken konnte: "Wie kann ich denn wissen, dass Sie hier wirklich vorbeikommen!"
Man einigte sich schließlich in aller Freundschaft und baute eine langjährige, gut funktionierende Zusammenarbeit auf.
Bücher verbinden und führen Menschen zusammen, besonders Bücher im Fach Deutsch als Fremdsprache. Sie sind für Produzenten und Benutzer Anlass zum Reisen und zu persönlichen Begegnungen rund um die Welt.
Die Welt des Lernens und Lesens wird heute immer größer, elektronische Medien ergänzen das schon ausufernde Sortiment. Sie sind im besonderem Maße geeignet, Grenzen zu überschreiten und weltweit gleichzeitig verfügbar zu sein. In dieser schnelllebigen Zeit haben Bücher nun ihren besonderen Charme behalten: Im Gegensatz zu ihren technikabhängigen Konkurrenten bleiben sie manchmal über Jahrzehnte präsent und haften als Meilensteine des Lernens im Gedächtnis ihrer Verleger und Benutzer.


