Sprachen überwinden Grenzen
1972: Olympia
©IOC/Olympic Museum Collections
26.8.1972
Eröffnung der Olympischen Spiele in München

Die Fakten sind bekannt: Am Morgen des 5. September 1972 überfallen palästinensische Terroristen das olympische Dorf in München und nehmen israelische Sportler als Geiseln. Zwei Opfer des Attentats kommen gleich zu Beginn ums Leben. 20 Stunden danach versucht die deutsche Polizei, die Geiseln zu befreien. Dabei sterben weitere fünfzehn Menschen: neun Sportler, fünf Terroristen und ein Polizist … Punkt.

Punkt? ... Nein, es gibt keinen Punkt. Jahrzehnte später. Die Erinnerung tut weh. Auch wenn ich jetzt daran zurückdenke, kommen mir wieder die Tränen. Ich, das ist ein Münchner Junge. Nennen wir ihn Franz. Im Spätsommer 1972 ist er knapp 14 Jahre alt und in seiner Heimatstadt laufen gerade die XX. Olympischen Spiele.

Für Franz ist Olympia ein einziges großes, wunderbares Fest. Er freut sich über das schöne Wetter, die vielen Menschen aus aller Welt, die gute Stimmung und die tollen Leistungen der Sportler. Am meisten bewundert er Mark Spitz aus den USA. Der Schwimmer mit seinen sieben Goldmedaillen ist der absolute Superstar von München.

Dann der Morgen des 5. September. Es folgt ein langer, schlimmer Tag und eine lange, schlimme Nacht. Zusammen mit seinen Eltern und seiner Schwester sitzt Franz vor dem Fernseher und hofft auf ein gutes Ende. Aber die deutsche Polizei kann das Leben der Geiseln nicht retten. Die Trauer auf der ganzen Welt ist groß.

Franz möchte verstehen. Warum machen Menschen so etwas? Er diskutiert mit seinen Eltern. Und er versteht. Nie zuvor hat er das schreckliche Gewicht der deutschen Vergangenheit so deutlich gespürt. Er lebt in einem neuen, toleranten, freien und demokratischen Deutschland.

Aber der politische Hintergrund des Olympia-Attentats, der Nahost-Konflikt, ist auch eine der vielen schlimmen Folgen der deutschen Geschichte.

Die Olympischen Spiele in München gehen noch ein paar Tage weiter. Aber das Bunte und Schöne ist zu Ende. Alles ist plötzlich schwarzweiß.

Olympia
©Franz Specht
Nach der Eröffnungsfeier am
26.8.1972:
Nach dem Attentat am
5./6.9.1972:
Diese zwei Wochen können die Erinnerung an die Olympischen Spiele 1936 verwischen, aus der Hitler einen "Nazi-Karneval" machte.
New York Times
Es ist ein überaus bitterer Preis, den die Deutschen gerade dafür bezahlen müssen, dass sie sich vom alten Klischee lösen wollten, dass sie ihre Grundeinstellung entmilitarisierten und die Kontrollen im Olympischen Dorf vielleicht etwas zu weich, locker und herzlich handhabten.
RAI (Italienischer Staatsrundfunk)
Wie gut die Bayern das alles gemacht haben. Keine Spur Militarismus, nichts Bombastisches, keine feierliche germanische Erhabenheit.
The Observer
In einigen Monaten, in ein paar Jahren, ja vielleicht erst in Jahrzehnten wird man sagen, dass München ein zeitgeschichtliches Ereignis war, das … die Probleme deutlich gemacht hat, mit denen wir in dieser Welt von heute leben müssen.
Willi Daume, Präsident des Nationalen Olympischen Komitees der Bundesrepublik Deutschland, am 11. September 1972
Hätte es noch eines Beweises bedurft, dass die Deutschen sich gewandelt haben, das Stadion in München hat ihn geliefert.
Corriere della Sera
(Autor: Franz Specht)

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Text zum Ausdrucken:
PDF 1972: Olympia (PDF-Datei, 168 KB)

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