Übersetzung

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Die Übersetzung ist die inhaltlich und formal angemessene schriftliche oder mündliche Wiedergabe eines Textes einer Sprache und Kultur in einer anderen Sprache unter Berücksichtigung der in ihr geltenden Normen und Ausdrucksformen.

Bei der Herübersetzung wird von einer Fremdsprache in die eigene Sprache (Ausgangssprache), bei der Hinübersetzung von der eigenen Sprache (Ausgangssprache) in die Fremdsprache übersetzt. Bei der Hinübersetzung macht sich die stete Präsenz der Ausgangsprache häufig negativ durch Interferenzen (vorwiegend im lexikalischen und syntaktischen Bereich) bemerkbar.

Spracherwerbsprozess

Die Übersetzung ist im Studium einer Fremdsprache sowohl Gegenstand der Übersetzungswissenschaft und Kulturwissenschaft, als auch – vor allem an Dolmetscherund Übersetzerinstituten – berufsbezogener Teil der Ausbildung.

Sie ist durchaus funktionaler Teil des (schulischen) Spracherwerbsprozesses und wird von Lernenden sehr oft als Hilfsmittel zum Verstehen schwieriger Texte eingesetzt. Die Übersetzung im (schulischen) Spracherwerbsprozess war lange sehr kontrovers diskutiert und aus dem Lehr- und Lernprozess verbannt. Sie stand im Ruf, dazu zu dienen, nur Regeln einzuüben (Grammatik-Übersetzungsmethode); sie verstieß gegen das ”Gebot” der Einsprachigkeit (direkte/natürliche Methode) oder galt als nicht kommunikativ, da zu wenig gesprochen wurde (kommunikativer Ansatz). Seit einiger Zeit scheint sie in den Unterricht zurückzukehren, wobei die konkrete Situation der Lernenden und Lehr- und Lernziele eine entscheidende Rolle spielen.

Schriftliche und mündliche Übersetzung

Schriftliche Übersetzungsarbeiten haben zwar Tradition, etwa die Hinübersetzung als Testform zur Feststellung des zu einem bestimmten Zeitpunkt erreichten Sprachstandes und Ausdrucksfähigkeit. Sie ist aber dazu nur eingeschränkt geeignet. Eine objektive Auswertung und Bewertung ist selten möglich durch die individuellen Ausformungen der Übersetzung und den häufigen Interferenzen auf Grund der ausgangssprachlichen Basis.

Mit der Herübersetzung kann durchaus das lesende Verstehen eines fremdsprachlichen Textes getestet werden. Die Leistung ist aber vom jeweiligen ausgangssprachlichen Sprachstand beeinflusst und damit ebenfalls nur schwierig objektiv bewertbar.

Bei mündlichen Übersetzungen (als Test) spielt eine entscheidende Rolle die gleichzeitige adäquate Entwicklung des hörenden Verstehens, sodass auch hier Bewertungen nicht unbedingt Rückschlüsse auf die Sprachbeherrschung zulassen.

Bewertungen

Übersetzungen jeglicher Art als Leistungs- oder Sprachstandsmessung sollte auf keinen Fall im (schulischen) Spracherwerbsprozess überbewertet werden. Nicht nur die Unterschiede in den sprachlichen Systemen machen Übersetzungen so schwierig, sondern auch manche Begriffe und Wendungen bleiben unübersetzbar. Für ‘negative’ Leistungen kann nicht genügend entwickelte Kompetenz in der eigenen Sprache eine Rolle spielen oder kulturelle (Hintergrund)Kenntnisse sind notwendig, die im schulischen Bereich nicht zu erwarten sind. Die Kriterien, nach denen eine Übersetzung üblicherweise als gelungen bewertet werden kann, sind wohl kaum erreichbar: im Ausgangstext enthaltene Informationen sind vollständig und richtig wiedergegeben, Wortwahl und stilistische Mittel dem Text/der Textsorte angemessen, die Grammatik der Zielsprache stimmt und das Textprodukt erzielt beim Leser oder Hörer die gleiche Wirkung, die der Verfasser des Ausgangstextes angestrebt hat.

Textsorten

Übersetzungen sind besser als eine Übungsform einzusetzen, mit der an vorgegebenen Texten funktional sprachliche und auch kulturelle Unterschiede klargestellt, vermittelt und geübt werden können. Wichtig sind eindeutige Übersetzungsaufträge und deren Einbettung in kommunikative kultur- und wirklichkeitsbezogene Situationen und methodisch vielfältige Arbeitsformen. Sie sollten den unterschiedlich schwierigen Anforderungen entsprechen, die Ausgangstexte stellen (z.B. Briefe, Gebrauchstexte). Auch kommt es bei bestimmten Texten, etwa bei technischen, juristischen und wissenschaftlichen Texten, auf größtmögliche terminologische Genauigkeit und Nähe zum Ausgangstext an. Bei anderen Texten, so vor allem bei literarischen Texten, die als besonders schwierig einzustufen sind, ist der Sinn, d.h. das Erfassen und Wiedergeben des Gemeinten und Mitgemeinten oft entscheidender als die formale Seite.

Lernziele

Das zentrale Lernziel der Übersetzung und der didaktische Ort im Spracherwerbsprozess sind trotz des Interesses an der Übersetzungsdidaktik noch nicht eindeutig geklärt. Die Lernziele reichen von

  - Wortschatzerweiterung
- Ausdruckserweiterung
- Erwerb stilistischer Fähigkeiten
- Vertiefung und Festigung grammatischer Kenntnisse
- Beherrschung von Strukturen
über - Konversationsfähigkeit
- Simulation aktiver Sprachverwendung
- Erweiterung schriftsprachlicher Kompetenz
- Sprachvergleich
- Textverständnis
- Schulung linguistischer und literarischer Interpretation
bis hin zu - Vorbereitung auf eine Prüfung und
- Erlernen der Übersetzungstechniken.

Viele dieser Lernziele sind in der Übersetzungsarbeit sicher mehr oder weniger realisierbar oder realisiert, andere scheinen kaum erreichbar. Der didaktische Ort der Übersetzungbedarf noch genauerer Bestimmung; Übersetzungen werden einerseits z.T. in beschränktem Maß schon für den Anfängerunterricht empfohlen, während sie andererseits nur für den Fortgeschrittenenunterricht als sinnvoll angesehen werden. Dabei bleibt immer noch unklar, ob Übersetzungen mehr der Anwendung von Grammatik und/oder Lexik oder der Schulung von Ausdruck, Stil und Textverstehen dienen sollen.

Vorgehensweisen

Das übliche methodische (?) Vorgehen bei der Übersetzungsarbeit ist, den Lernenden einen Text vorzulegen, der Satz für Satz mit mehr oder weniger ausgedehnten Hilfen in den Bereichen Lexik, Syntax, Ausdruck, Stil zu übersetzen ist. Fehler in Grammatik, Wortschatz usw. werden korrigiert, selten die Gründe der Fehlerhaftigkeit aufgedeckt und dabei auch allgemein kaum auf kulturelle Hintergründe eingegangen.

Damit Übersetzung sinnvoll für den Spracherwerbs- und -erweiterungsprozess wirkt, sollte in Kleingruppen gearbeitet werden, die den gleichen Text zu übersetzen haben. So können später die möglichen Varianten verglichen und gemeinsam die optimale Version erarbeitet werden.

Vorher sind die zu übersetzenden Texte von den Lehrenden zu analysieren hinsichtlich möglicher schwieriger, auch unbekannter grammatischer, lexikalischer Einheiten, die in durchaus kontrastiv angelegten Vorübungen erarbeitet werden sollten.

Eine stille Lesephase und anschließende Fragen zum Inhalt des zu übersetzenden Textes (ggf. mit Bildung von Teilüberschriften, Wortgeländern usw.) hat sich zur Vororientierung bewährt. Bei Lernenden, die noch unerfahren mit Übersetzungen sind, haben sich zunächst Übersetzungsvorgaben mit Lücken bewährt, die anhand des Originaltextes auszufüllen sind:

I nostri amici ci hanno
invitato ieri a cena.

Da loro abbiamo conosciuto
un giovane operaio tedesco,
che da alcune settimane era
in Italia, ...
Unsere Freunde haben _____
gestern zum Abendessen
________________.
__________ haben wir einen
__________________________,
der _______ einigen Wochen
in Italien _______, ...

(aus Jung 1987, S. 18f.)

Diese Lücken können immer größer werden, bis schließlich diese Hilfe nicht mehr notwendig ist. Rollenspiele und Sprachvergleiche == Mündliche Übersetzungen beschränken sich sinnvollerweise vor allem im schulischen Lernen auf Dolmetschübungen in lebensnahen und kommunikativen Situationen (z.B. beim Einkauf, im Restaurant, bei der Bitte um Information über etwas), bei denen ein Lernender (ggf. auch einmal die/der Lehrende) die Rolle dessen übernimmt, der die Zielsprache nicht beherrscht, während ein/e Lernende/r, die/der noch andere zur Hilfe heranziehen kann, dolmetscht (= übersetzt). Ein derartiges Rollenspiel ist motivierender und nützlicher als manche schriftliche Übersetzungsübung, auch die von Lehrbuchdialogen.

Für fortgeschrittene Lernende sind gelegentliche Hin- und Herübersetzungen Anlassvon Sprachvergleichen mit der Einsicht in die unterschiedlichen Strukturen von Ausgangs- und Zielsprache. Allerdings ist hier ein sehr hohes Sprachniveau in beiden Sprachen vorauszusetzen.

Übersetzungen können nur dann objektiv bewertet und/oder Lernfortschritte in der Übersetzungsleistung festgestellt werden, wenn das, was bewertet werden soll (Information/Inhalt und Wortwahl – Stil – Grammatik – Wirkung) und die qualitative Einschätzung (vollständig und richtig – text- und textsortenadäquat – stimmig – wie Ausgangstext usw.) vorher didaktisch und methodisch durchdacht vermittelt wurde.

Qualifikation der Lehrenden

Übersetzungsunterricht verlangt von Lehrenden eine besondere Qualifikation, die bislang in den Ausbildungsgängen DaF kaum oder gar nicht vermittelt wird. Eine solche Qualifikation verlangt nicht nur eine ausgedehnte und sichere Beherrschung von Ausgangs- und Zielsprache, sondern auch eine ausgeprägte übersetzerische Kompetenz mit ständigem Bewusstsein der Differenziertheit der beiden Sprachen. Weiterhin gehören dazu das Interesse an übersetzungsdidaktischen und -methodischen Fragen und die Fähigkeit, Lerntheorien (einschließlich von Arbeits- und Übungsformen) zu adaptieren für einen Übersetzungsunterricht, der weniger leistungs- sondern mehr lernfortschrittsorientiert ist und Gesichtspunkte der Praxisrelevanz der Übersetzung nicht aus den Augen lässt.

Weblinks

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