Authentizität

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Grundsätzliches

In der Fachdidaktik versteht man unter Authentizität, dass das vorliegende Material (z.B. Interview, Film, Nachrichtensendung, Zeitungsartikel, Hinweisschild usw.), das ein Lehrer verwendet, nicht eigens für den Unterricht entworfen oder verändert wurde. In der Fremdsprachendidaktik werden Situationen und Aufgabenstellungen dann als „authentisch“ angesehen, wenn die Schüler sie in der Schul- und Klassenzimmersituation als unmittelbar-real erfahren oder zumindest als lebensecht akzeptieren können, so dass sie das Erlernte auch in die außerschulische Lebenswelt übertragen können.

Authentizität als Auseinandersetzung mit einer erfahrbaren fremden kulturellen Wirklichkeit

Der Fremdsprachenunterricht ist an Inhalte und Materialien gebunden, die aus der der fremden kulturellen Welt in die Klassenzimmer gebracht werden. Die andere Lebenswirklichkeit fremder Kulturen kann also zunächst nur durch Sprache und Medien vermittelt werden. Vermittlungsträger sind hier in erster Linie Lehrbuchtexte, Textmaterialien und multimediale Technologien. Das bringt mit sich, dass die Unterrichtsstunde eine verzerrte oder „distanzierte Wirklichkeit“ der fremden Kultur herstellt. Nun geht es darum, dass die Schüler durch die Aufgabenstellung direkt in die Auseinandersetzung mit der fremden Wirklichkeit versetzt werden und die entsprechenden Kontexte so als authentisch erleben können. Wichtig dabei ist, dass die Schüler auf Wissen zurückgreifen können, das außerhalb des Klassenraums erworben wurde, etwa persönliche Erfahrungen oder selbst entdeckte Informationen, damit die fremde kulturelle Wirklichkeit im Klassenzimmer so verhandelt werden kann, dass die Schüler in kulturelle Fremdverstehensprozesse und damit auch in das Aushandeln spezifischer Verhaltensweisen eingebunden werden können. In diesem Zusammenhang spricht man von echter und didaktischer Kommunikation. Bei der echten Kommunikation hat sich etwas zu sagen, was sich inhaltlich auf eine Sache bezieht und persönlich auf individuelle oder gemeinsame Erfahrungen, bei der didaktischen Kommunikation spricht man im Modus des Uneigentlichen, wobei es inhaltlich eigentlich um die korrekte sprachliche Form geht, und der Sinn einer Aussage nur vor dem Hintergrund des eigenen Verständnisses existiert.

Authentizität in der schulischen Interaktion

Nach der Kommunikativen Wende im Fremdsprachenunterricht haben Handlungsorientierung, kooperatives Lernen und Authentizität im Unterricht verstärkt an Bedeutung gewonnen. Man geht davon aus, dass Sprache am besten durch realitätsnahe, für die Schüler bedeutsame Interaktion gelernt werden kann, jedoch muss diese Interaktion von der Lehrperson auch ermöglicht werden. Dies kann geschehen, indem Interaktionen der Schüler untereinander durch Gruppenarbeit, Partnerarbeit und arbeitsteilige Projekte angeregt werden. Diese Interaktion im Fremdsprachenunterricht muss einerseits Kommunikation und Diskurse außerhalb der schulischen Welt im Blick haben, andererseits Kommunikation und Diskurse der Schüler untereinander und mit der Lehrperson berücksichtigen. Interaktion kann nach Seedhouse nur dann authentisch sein, wenn sie dem Institutionellen Rechnung trägt , also kommunikative Möglichkeiten bietet, die nicht auf die Zeit nach der Schule oder den außerschulischen Raum verschoben werden. Es sollen im Unterricht selbst authentische Situationen geschaffen werden. Dabei sind nicht nur Lehrtexte, sondern ebenso Lernertexte von Bedeutung. Die Lernenden beteiligen sich aktiv an der Gestaltung ihrer Lernumgebung und ihre sprachlichen Äußerungen sind Gegenstand einer gemeinschaftlichen Auseinandersetzung. Dazu nutzen die Schüler selbsttätig eine Vielzahl von Quellen – Lehrbuch, Wörterbuch, Internet sowie fremdsprachliche Begegnungsmöglichkeiten vor Ort – und bringen diese in den Unterricht ein. Die Arbeitsprozesse werden durch Zwischenbilanzen und Bestandsaufnahmen unterstützt, wobei Phasen intensiven Übens sich mit Phasen der Planung eigener sprachlicher Vorhaben der Lernenden abwechseln.

Authentizität bei Sprachentests

Für ein kommunikatives Sprachentesten verlangt Authentizität, dass die Testaufgaben möglichst am wirklichen Leben ausgerichtet sind, dass sie genuin sind und so wenig wie möglich für die Testsituation verändert, und dass die Antwortmöglichkeiten sprachlichen Handlungen in der Zielsprache und im Zielland möglichst nahekommen. Weiterhin wird die Authentizität einer Testaufgabe auch durch die Wahrnehmung der geprüften Person bestimmt; wird die Aufgabe als relevant für den Gebrauch der Zielsprache angesehen, kann das einen positiven Einfluss auf die Qualität der Lösung oder die Akzeptanz des Tests haben.


Quellen:

  • Bach, Gerhard/Timm, Johannes-Peter (Hrsg.): Englischunterricht. Grundlagen und Methoden einer handlungsorientierten Unterrichtspraxis. A. Francke Verlag, Tübingen und Basel 2009; S. 12
  • In: Bach/Timm: 2009, S. 21
  • Bach/Timm: 2009, ebd.
  • In: Decke-Cornill, Helene/Küster, Lutz: Fremdsprachendidaktik. Eine Einführung. Narr Verlag, Tübingen 2010; S. 122
  • Decke.Cornill/Küster: 2009, S. 122ff.
  • Grünewald, Andreas/Küster, Lutz: Fachdidaktik Spanisch. Tradition/Innovation/Praxis. Erst Klett Verlag, Stuttgart 2009; S. 276
  • Tesch, Bernd/Leupold, Einar/Köller, Olaf (Hrsg.): Bildungsstandards Französisch: konkret. Cornelsen Verlag, Berlin 2008; S.169