Fehler

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Als Fehler wird im Allgemeinen ein Verstoß gegen die sprachliche Richtigkeit angesehen, die durch die gültige Norm bestimmt wird. Der Begriff ”gültige Norm” ist vielschichtig. Für gesprochene Sprache ist eine andere Norm als für geschriebene Sprache anzusetzen, wobei noch unterschieden werden muss, ob es sich z.B. um Gebrauchs-/Alltagssprache, Bildungssprache, Dialekt oder Hochsprache, isolierten oder kontextgebundenen Gebrauch der Sprache handelt.

Im Sprachunterricht werden meist Verstöße gegen die Normerwartungen der/des Lehrenden als Fehler angesehen.

Auch Sprachgebrauch, der den kommunikativen und sozialen Kontext vernachlässigt, (der Inhalten, Situationen oder der Textsorte nicht adäquat ist) gilt als fehlerhaft.

So können als Fehler angesehen werden z.B. die Verwendung von Berg statt des in diesem Augenblick vielleicht angebrachten Wortes Gebirge, eine ausführliche Darstellung des eigenen Zustandes auf die konventionelle und floskelhafte Frage “Wie geht’s?“ oder der Gebrauch der Redewendung ins Gras beißen statt sterben in einem theologischen/medizinischen/juristischen etc. Text.

Die Ursachen für Fehler können Interferenzen sein. So entstehen interlinguale Fehler durch die Übertragung sprachlicher Normen der Ausgangssprache, aber auch zuvor gelernter weiterer Sprachen. Intralinguale Fehler haben ihre Ursache z.B. in Unsicherheit im Gebrauch der Zielsprache, eine Übergeneralisierung ihrer Regeln oder falsche Analogiebildungen.

Fehler könnten durchaus auch als mehr oder weniger notwendige Zwischenstufen auf dem Wege des Spracherwerbs angesehen werden (Selinkers interlanguage; Interimssprache). Die Ursachen von Fehlern sollten auf jeden Fall in Abhängigkeit vom Spracherwerbsprozess der Lernenden gesehen werden.

Fehleranalysen, also Beschreibung, Erklärung und Einschätzung von sprachlichen Fehlleistungen, sind für Lehrende hilfreich. Auch wenn Fehleranalysen erfahrungsgemäß nicht alle unterrichtsrelevanten Fehler und alle Ursachen aufdecken, erleichtern sie es, Fehlern vorzubeugen oder sie durch entsprechendes Lern- und Übungsmaterial zu beseitigen (Fehlervorbeugung und -korrektur).

Wissenschaftlich fundierte Fehleranalysen werden Lehrende aus naheliegenden Gründen in der Praxis allerdings nur selten vornehmen können. Im Allgemeinen werden sie nur zwischen falschem und richtigem oder nach noch erlaubtem Sprachgebrauch unterscheiden. Sie werden meist nur die in der jeweiligen Lerngruppe auftretenden häufigsten und generalisierbaren Fehler festhalten und bei der Fehlervorbeugung und -korrektur berücksichtigen.

Fehlerbewertung wird bedauerlicherweise vor allem im institutionellen Fremdsprachenunterricht oft genug mit Blick auf vorgegebene Prüfungen nach rein formalen Bewertungskriterien vorgenommen.

Die Kenntnis über Ursachen von Fehlern und die Einschätzung ihrer Auswirkungen auf die Kommunikation können durchaus zu einer gerechteren und objektiveren Bewertung von Fehler führen. Auch sollten sie in den verschiedenen Arbeitsformen (Grammatiktest, Diktat, Aufsatz etc.) nicht als gleichwertig angesehen werden. Wenig hilfreich ist die Bewertung von Grammatik-, Ausdrucks-, Orthografiefehlern etc. nach formalen Gesichtspunkten und Wertungskriterien wie ganzer, halber, leichter, mittlerer oder schwerer Verstoß.

Für jede Arbeitsform ist zu berücksichtigen, inwieweit sich der einzelne Fehler auf die Kommunikation auswirkt, d.h. ob er für die Kommunikation keine Probleme hervorruft, sie nur stört, erschwert oder gar verhindert. Da Sprache nicht nur variantenreich und ständiger Veränderung unterworfen ist, können Fehler durchaus in vernünftigem Rahmen großzügiger bewertet werden. Diese Fehlertoleranz ist aber nur angebracht, solange die Kommunikation nicht schwerwiegend gestört wird.

Fehlervorbeugung, also alles, was dazu beitragen kann, Fehler zu verhindern, muss in die Unterrichtsvorbereitung einbezogen werden. Auf Grund eigener Erfahrungen und ggf. vorhandener Fehleranalysen lassen sich Lernschwierigkeiten als Fehlerquellen vorhersehen. So sind etwa Auswahl des Stoffes und seiner Präsentation, entsprechende Übungen usw. und das methodische Vorgehen (Wechsel zwischen Sozialformen, Übungsvariation, Fragetechnik usw.) geeignete Maßnahmen. Fehlervorbeugung ist wichtiger als nur nachträgliche Fehlerbeseitigung.

Fehler in schriftlichen und mündlichen Leistungen verlangen unterschiedliches Vorgehen bei der Fehlerkorrektur. Korrekturen sind unverzichtbar, doch muss das Korrekturverhalten altersstufen- sowie lernphasengerecht und behutsam sein. Korrekturen dürfen beim einzelnen betroffenen Lernenden keinesfalls das Gefühl aufkommen lassen, bloßgestellt zu werden.

Bei schriftlichen Aufgaben und Arbeiten sind Korrekturvermerke durch Lehrende durchaus angebracht. Sie sind aber meist, vor allem dann, wenn sie nur durch Unterstreichungen im Text oder Striche am Textrand erfolgen, wenig nützlich. Lernende nehmen diese Korrekturvermerke zwar zur Kenntnis, verarbeiten sie jedoch meist nicht. Besser sind Hinweise auf die Art des Fehlers (z.B. Vbf = falsche Verbform, PP = Personalpronomen, Präp = Präposition, Ww = Wortwahl usw.). Sie erlauben zudem eine rasche Feststellung von Lernschwierigkeiten. Notwendig und hilfreich ist zusätzliche Arbeit an den aufgetretenen wichtigsten Fehlern. Übungen und/oder Wiederholungen auch in der Form von Hausaufgaben müssen sich anschließen. Übungen und Aufgaben sind so auszuwählen oder zu gestalten, dass sie deutlich als Lernhilfe empfunden werden. Von der Menge her müssen sie so bemessen sein, dass sie von den Lernenden wirklich bearbeitet und – was unerlässlich ist – von der/dem Lehrenden durchgesehen werden können. Nur intensive und gezielte Korrekturarbeit beseitigt nachhaltig Fehler und fördert lernschwache TeilnehmerInnen.

Die Korrektur mündlicher Fehler gestaltet sich wesentlich schwieriger als die schriftlicher. Problematisch sind u.a. Zeitpunkt sowie Art und Weise der Korrektur.

Bei kurzen Äußerungen kann sie sofort erfolgen, sei es durch Wiederholung der Äußerung in fragendem Ton, unter besonderer Betonung des nicht korrekten Satzteiles oder durch einfache Wiederholung der Äußerung in ihrer korrekten Form.

Auch Mimik und Gestik (etwa hochgezogene Augenbrauen, leichtes Kopfschütteln als Signal für eine nicht korrekte Form, einen nicht korrekten Ausdruck oder etwa Drehen der Hand bzw. von ausgestrecktem Zeige- und Mittelfinger als Hinweis auf die Wortstellung usw.) sind denkbare Mittel, die Eigenkorrektur der/des Lernenden zu bewirken.

Bei längeren und zusammenhängenden Äußerungen sollte jede Störung durch eingeschobene Korrekturen vermieden werden, es sei denn, eine Äußerung bleibt völlig unverständlich. In diesem Fall kann Nachfrage durch die/den Lehrenden oder aber besser noch durch die Mitlernenden zur gewünschten Richtigstellung führen. Eine anschließende Korrektur mündlicher Äußerungen u.U. mehrerer Lernender ist effektiver, da die/der Lehrende anhand von Notizen die Korrekturen nach sachlichen und/oder inhaltlichen Zusammenhängen vornehmen kann.


Weblinks

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