Gesprächsunterricht

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Die Bezeichnung ist doppeldeutig. Einmal bezieht sie sich auf die Form des Unterrichts: Lehrgespräch, zum anderen auf dessen Inhalt: Erwerb der Fähigkeit, die erlernte Fremdsprache im Gespräch mit Sprechern dieser Sprache anzuwenden.

Situationen und Themen

Überwiegendes Ziel des Gesprächs-/Konversationsunterrichts im DaF-Unterricht ist – wie im Unterricht auch anderer Fremdsprachen – die Fähigkeit, die Sprache in alltäglichen Situationen und allgemein interessierenden Themenbereichen gebrauchen zu können. Leider beschränkt sich der Unterricht vorwiegend auf Dienstleistungsgespräche (Bestellungen in Restaurant oder Café, Einkäufe, Gespräche am Hotelempfang, Bitten um Auskünfte oder deren Beantwortung etc.), Beschreibungen, Kontaktaufnahme, Vorstellungsgespräch (Auskünfte zur Person). Dies begrenzt (unter dem Druck der Vorbereitung auf die verschiedenen Prüfungen) die Gesprächsfähigkeit auf einige wenige Gesprächsinhalte und -typen. Zur Übung dienen Musterdialoge, die meist gekennzeichnet sind durch grammatisch korrekte und vollständige Sätze der geschriebenen Sprache. Die Anwendung dieser Dialoge wird begrenzt im Transfer geübt.

Der Mangel an ‘Übungen‘ zu weiteren Gesprächstypen und wirklichkeitsnaher Gesprächsführung ist im Lehrmaterial für DaF – auch im Lehrmaterial für Fortgeschrittene – nicht zu übersehen.

Gesprochene Sprache

Für einen sinnvollen Gesprächsunterricht spielt nicht nur die Aktualität der Themen eine große Rolle. Es müssen vor allem auch Eigenheiten gesprochener deutscher Sprache und der realen Gesprächsführung berücksichtigt werden. Dazu gehören z.B.

  • Intonation und Sprechgeschwindigkeit, die in der Realität von den Lehrbuchdialogen abweichen,
  • Verschleifungen und/oder Ausfall einzelner Laute und Silben,
  • Pausen, die oft zwischen Wörtern und nicht am Ende eines Satzes gemacht werden,
  • Pausen, in denen Gestik und/oder Mimik Worte ersetzt,
  • Stottern, Versprecher und Korrekturen,
  • unvollständige Sätze: es werden Verben, Objekte, zuweilen auch das Subjekt ausgelassen,
  • häufiger Gebrauch von Partikeln,
  • Verstärkungs- und Abschwächungselementen, die in geschriebener Sprache nicht üblich sind (Is dasn Typ!/Is dasn geiler Typ!),
  • veränderte Wortstellung im Satz (Is wo hiern Parkscheinautomat?),
  • Wiederholungen von Wörtern oder Satzteilen,
  • Wort- und Ausdruckswahl ist gegenüber geschriebener Sprache oft einfacher,
  • Wörter und Ausdrücke werden gebraucht (hm; äh; na; na ja; gell; sehnse, würdich sagen), die im Rahmen des Gesprächs ohne Bedeutung sind und deren sich Sprechende oft nicht bewusst sind oder die Nachdenken, Verlegenheit etc. signalisieren können,
  • Verwendung formelhafter Wendungen, mit denen eine bestimmte Reaktion auf Aussagen ausgedrückt wird (z.B. Zustimmung: richtig, OK; Bedauern: Schade! Tut mit Leid! Zu blöd!),
  • Ersatz von ja oder nein durch andere Ausdrücke, wobei die Intonation nicht selten eine ganz entscheidende Rolle spielt (z.B. natürlich; bestimmt; überredet!; wirklich!(?); hmhm; keinesfalls; nie; kommt nicht infrage/in die Tüte!).

Gesprächsführung und Sitzordnung

Zudem müssen die Lernenden das Sprachmaterial vermittelt bekommen, mit dem sie Gespräche initiieren, aufrechterhalten, auf Äußerungen von Gesprächspartnern reagieren und ein Gespräch weiterführen oder beenden können.

Nicht versäumt werden sollten auch Hinweise darauf, wie wichtig es ist,

  • Gesprächspartnern zuzuhören und auf ihre Äußerungen einzugehen,
  • die Wirkung der eigenen Äußerungen auf Gesprächspartner zu beobachten,
  • Äußerungen von Gesprächspartner ggf. im Hinblick auf deren Herkunftskultur zu sehen, die eine andere Art der Gesprächsführung aufweisen kann, und dies angemessen zu berücksichtigen.

Hieraus können sich während des Gesprächs (oft entscheidende) Veränderungen der Gesprächsführung ergeben.

Gesprächsunterricht muss regelmäßig stattfinden und sollte durchaus auch zum Unterrichtsprogramm von Anfängergruppen gehören.

Sinnvoll ist er aber nur mit kleineren Gruppen, in denen jede/r TeilnehmerIn zu Wort kommen kann. Dabei spielt die Sitzordnung eine nicht zu unterschätzende Rolle: im Kreis oder Halbkreis lassen sich Gespräche besser führen als in der leider oft üblichen Reihensitzweise.

Umgang mit Themen

Die Themenwahl entscheidet darüber, ob Langeweile aufkommt oder nicht. Als Quellen bieten sich – auch schon für fortgeschrittene Anfänger – aktuelle Themen an (z.B. aus der Landeskunde), die sowohl dem Lehrmaterial, als auch Zeitungen, Nachrichten etc. entnommen werden können.

Eine gute Vorbereitung des Lehrers ist wichtig. Ebenso muss den Lernenden rechtzeitig das Thema bekannt gegeben und/oder Material zur Verfügung gestellt werden.

Im Anfängerunterricht sind als Modell die in didaktischer Absicht geschriebenen Dialoge der Lehrbücher nützlich. Sie sollten jedoch rasch in variierbare Dialoge umgewandelt werden durch Auslassung von Gesprächsteilen, die die Lernenden nach eigenem Gutdünken ersetzen. Dies führt sehr rasch zu freien Gesprächen. Thematisch können sie sich an das vorgegebene Thema anlehnen, das möglicherweise durch Illustrationen (Einzelbilder, Bildreihen) erweitert und auf andere Themen gelenkt wird. Auch Sichtwechsel, Rollenspiel und Simulationen fördern freie Gespräche.

Spielregeln für die Gesprächsführung

Schon im Anfängerunterricht sind einige wenige allgemeine ”Spielregeln” für Gesprächsführung deutlich zu machen, die im Unterricht mit Fortgeschrittenen durchaus auch explizites und ergänzbares Lernziel werden sollten:


Vorbereitung ist wichtig!

Ein sinnvolles Gespräch lässt sich am besten führen, wenn vorher das Thema durchdacht, dazu Informationen, Tatsachen, Argumente usw. gesammelt und sie (grob) in ihren Zusammenhängen geordnet und dabei bereits Gegenargumente bedacht werden. So kann ein Gespräch in gewünschter Weise ablaufen, Beiträge der PartnerInnen anregen und das Gespräch fördern.

Sich partnerschaftlich verhalten!

Dies bedeutet: eigene Redezeit begrenzen, sich an ggf. vorgegebene Redezeiten halten, Beiträge anderer zulassen und PartnerInnen zuhören, sie ausreden lassen.

Einwendungen, Gegenmeinungen sind zu akzeptieren.

Fair in der eigenen Argumentation sein, niemanden persönlich angreifen.

Anweisungen einer/s Gesprächsleiterin/s oder Moderatorin/s – falls vorhanden – müssen befolgt werden. Ihre/seine Aufgabe ist es u.a., ”Alleinunterhalter” zu stoppen, Beiträge anderer TeilnehmerInnen möglich zu machen, Abgleiten des Gesprächs in Geschwätz zu verhindern.

Gespräch in Gang halten!

Durch Fragen lassen sich stockende Gespräche wieder in Gang bringen, auch helfen sie Unklarheiten, Missverständnisse usw. zu beseitigen. Es ist daher wichtig, die richtige Fragetechnik zu beherrschen.

Auch durch interessante Argumente, plötzlich auftauchende neue Gesichtspunkte oder auch durch provozierend gemeinte Äußerungen ist dies möglich.

Gespräch sinnvoll beenden!

Wenn zum Thema nichts mehr zu sagen ist oder ein für alle akzeptables Ergebnis erreicht ist, sollte das Gespräch beendet werden.

Eine kurze Zusammenfassung des Gesprächsergebnisses kann u.U. nötig und nützlich sein.

Weblinks

Bibliographie

Kotthof, Helga: Interkulturelle ”deutsch-sowjetische” Kommunikationskonflikte. Kontexte zwischen Kultur und Kommunikation. In: Informationen Deutsch als Fremdsprache, 20. Jg., 1993. Heft 5, S. 486–503.
Loch, Werner: Beiträge zu einer Phänomenologie von Gespräch und Lehre. In: Bildung und Erziehung, Jg. 15, 1992, S. 641–661.
Speight, Stephen: Konversationsübungen. In: Bausch, Karl-Richard et al. (Hrsg.): Handbuch Fremdsprachenunterricht. 3., überarbeitete und erweiterte Auflage, Tübingen 1995, S. 252–255.