Grammatikmodelle

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Sprachwissenschaftliche Grammatikmodelle dienen dem Versuch, den Gegenstand Grammatik selbst oder Gegenstände der Grammatik, die bislang unzulänglich oder gar nicht beschrieben worden sind, über theoretische Ansätze zu erfassen und darzustellen.

Viele der bislang entwickelten Grammatikmodelle beeinflussten Fremdsprachendidaktik, -methodik und -unterricht – damit auch den Bereich DaF – zum Teil gar nicht oder nur in geringem Maß.

Es sollen hier nur solche Modelle kurz angeführt werden, die in der einen oder anderen Weise tatsächlich den Sprachunterricht – auch für DaF – beeinflusst haben.

Grammatikmodelle im Unterricht

Als Erstes ist die Traditionelle Grammatik zu nennen. Ihre seit dem 18. Jahrhundert auf die Darstellung der Sprachen der Neuzeit übertragene lateinische Terminologie und ihr Aufbau haben nicht an Einfluss eingebüßt. Sie umfasst in der Regel Wortlehre (Aussprache, Wortarten mit Flexion, Deklination, Konjugation, Wortbildung) und Syntax (Aufbau des Satzes, Stellung der Wörter im Satz, Kongruenz usw.) vorwiegend auf der Grundlage der geschriebenen Sprache. Ihre Zielsetzung kann als normativ und präskripiv bezeichnet werden. Ergebnisse neuerer Modelle wurden und werden durchaus im Rahmen des angeführten Schemas berücksichtigt. Im Bereich DaF ist sie neben der Dependenz-Valenzgrammatik (als Alternative?) wirksam.

Die Strukturelle (taxonomische) Grammatik setzt sich mit der Klassifikation und Distribution einzelner Satzelemente auseinander. Sie beeinflusste zusammen mit dem Behaviorismus (habit formation/Einschleifen von Gewohnheiten) die audio-linguale Methode (Methoden des Fremdsprachenunterrichts), die dies in den nicht unumstrittenen pattern-drills umsetzte, die auch in anderen Methoden weiterwirk(t)en. Wichtig wurde, dass der gesprochenen Sprache vor der geschriebenen Vorrang eingeräumt wurde. Bleibenden Einfluss haben auch die Unterscheidung zwischen Form und Funktion sprachlicher Erscheinungen, die Beschreibung wirklichen Sprachgebrauchs und die kritische Sicht der lateinischen Grammatik als Beschreibungsgrundlage.

Beispiel für pattern-drill mit Vorgabe, Wiederholung und Übungsteil (Einsatz, Umstellung zur Antwortstruktur)

1 Bitte wiederholen Sie    
  ich bin in Deutschland    
  Paul ist in Italien    
  Inge ist in München    
  usw.    
2 sind Sie in Deutschland? ja, ich bin in Deutschland?
  ist Paul in Italien? ja, er ist in Italien
  ist Inge in München? ja, sie ist in München
  usw.

aus: Nieder, Lorenz: Sprechübungen, S. 16.

Auch die Feststellung der Tagmemischen Grammatik, dass in einer Aussage verschiedene sprachliche Strukturen dieselbe Funktion besitzen können, wurde für Austausch- oder Erweiterungsübungen der pattern-practice/-drill genutzt.


Beispiel 1

Wie geht’s Monika? Der geht’s prima.    
Und ihrem Bruder? Dem geht’s auch gut.    
Frau Wild – Mann Herr Wild – Frau Monika und Gerd – Eltern usw.

aus: Hieber, Wolfgang: Lernziel Deutsch, S. 111.


Beispiel 2

er wünscht es so wir machen es so, wie er es wünscht  
er braucht es so wir machen es so, wie er es braucht  
er bestellt es so wir machen es so, wie er es bestellt usw.

aus: Nieder, Lorenz: a.a.O., S. 103.


Die Kommunikative Grammatik sieht Sprache als Mittel der Kommunikation, das hörend und überwiegend sprechend benutzt wird, ohne dass den Benutzern das formale Struktursystem stets bewusst ist. Sie beschreibt u.a. die Inhaltsfaktoren, die den Kommunikationsprozess steuern, in ihren semantischen Strukturen und in ihrem Verknüpfungssystem. Sprachlehr- und -lernansätze, die kommunikative Kompetenz in den Vordergrund stellen, sind u.a. diesem Modell verpflichtet.

Einen nicht unbedeutenden Einfluss hat die Dependenz-Valenzgrammatik gewonnen. Es handelt sich um ein syntaktisches Modell, bei dem das finite Verb den Mittelpunkt des Satzes bildet. Es bestimmt durch seine Valenz die Satzstruktur. Vom Verb hängen Substantive oder deren Äquivalente als Ausdruck der beteiligten Personen und/oder Gegenstände sowie Adverbien und deren Äquivalente als Ausdruck der Umstände ab, die den Prozess charakterisieren. Ein Verb bindet entsprechend seiner Valenz eine bestimmte Anzahl von Handlungsbeteiligten (Aktanten) an sich, die unverzichtbare Teile des Verbs sind, während die Angaben/Umstände relativ frei sind. Die Verben lassen sich ja nach der Zahl der von ihnen geforderten Handlungsbeteiligten in nullwertige (Es regnet.), einwertige (Sie arbeitet.), zweiwertige (Sie liest den Brief.) und dreiwertige (Sie gibt mir den Brief.) einteilen.

Die Generative Transformationsgrammatik und ihr Modell der sprachlichen Kompetenz eines idealisierten Sprecher-Hörers zur mechanischen oder transformationellen Generierung von Sätzen ist ohne Einfluss (nicht nur) auf DaF geblieben. Dies gilt auch z.B. für die Kasusgrammatik und eine Reihe weiterer Grammatikmodelle.

Weblinks

Bibliographie

Helbig, Gerhard / Schenkel, Wolfgang: Wörterbuch zur Valenz und Distribution deutscher Verben. 8., durchgesehene Auflage, Tübingen 1991.
Müller-Küppers, Evelyn: Dependenz-/Valenz- und Kasustheorie im Unterricht Deutsch als Fremdsprache. Kritische Bilanz mit Vorüberlegungen zu einer integrierten syntaktisch-semantischen Dependenz-Verb-Grammatik aus unterrichtspraktischer Perspektive. (Materialien Deutsch als Fremdsprache Heft 36), Regensburg 1991.