Grammatikvermittlung

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Grammatikvermittlung ist in Absetzung zu Grammatikunterricht zu sehen als Abkehr von einem Unterricht, der in der Geschichte des Fremd-/Zweitsprachenunterrichts zwischen zwei Extremen schwankte. Das eine war das Erlernen von grammatischen Regeln, von Regelwissen, was mit Sprachbeherrschung und -können gleichgesetzt wurde. Das andere meinte ganz auf Grammatik verzichten zu können, da sich Sprachbeherrschung und -können über das Hören und Nachahmen intuitiv einstellen würden.

Grammatik und Spracherwerb

Grammatik wurde nicht etwa in authentischen Texten, sondern in solchen präsentiert, die zum Zweck der Grammatikdarbietung ohne wichtige Inhalte mit Vorrang der (dann oft gekünstelten wirkenden) Schriftsprache angefertigt waren.

Immer mehr hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass Grammatik jedoch zum Spracherwerb, zur Rezeption und Produktion von Sprache notwendig und nützlich ist. Sie muss aber lerner-, stufen- und lernzielbezogen als selbstverständlicher funktioneller Bestandteil der Sprache in struktureller Genauigkeit und in einem kommunikativen Ansatz vermittelt und von den Lernenden erarbeitet, geübt und wiederholt werden.

Sie ist Bestandteil authentischer Texte, (kulturbezogener und -relevanter) Situationen und Handlungen. Nur so wird sie nicht Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck: den Spracherwerbsprozess zu fördern mit dem Ziel, Sprache in ihren Nuancierungen zu verstehen und mündlich wie schriftlich adäquat anzuwenden.


Methoden im Anfängerunterricht

Daher findet Grammatikvermittlung eher auf induktiv-pragmatische als auf deduktive oder analytisch-deduktive Weise statt.

Die induktiv-pragmatische Vermittlung geht aus vom grammatischen Phänomen, das eingebettet ist in einen Text, eine Situation oder Handlung. Es kann aus seinem Umfeld erschlossen werden. Über die Beschäftigung mit dem Ausgangsmaterial und unterschiedlichem zusätzlichem Material (Bilder, Tabellen, Diagramme etc.) finden die Lernenden selbst die grammatische Regelhaftigkeit heraus, die vom ehrenden zusammengefasst und ggf. ergänzt wird. Beispiele aus dem Ausgangsmaterial werden imitativ und analog in Übungen angewendet, die unterschiedliche Sozial- und Arbeitsformen verlangen (z.B. Nachsprech-/Frage- und Antwortübungen / Anwendung in Analogien; Frontalunterricht / Plenumsarbeit / Gruppen- und Partnerarbeit / Stillarbeit). Die Vielfalt der Übungs-, Sozial- und Arbeitsformen führt dazu, dass das jeweilige grammatische Phänomen schnell zum Bestandteil eigenen Sprachverhaltens wird.

Ein deduktiver Unterricht gibt die abstrakte Regel vor, die anschließend mit einem Beispiel verdeutlicht wird. Es schließen sich Übungen (meist Drillübungen) an, die mit parallel gebildeten Beispielen die Form (und Regel) einschleifen und so die korrekte Anwendung sichern sollen.

Das analytisch-deduktive Vorgehen stellt in einem Mustersatz das grammatische Phänomen vor. Die Analyse dieser Vorgabe führt zur Regelkenntnis und -formulierung.

Anschließend wird sie ausgehend vom Muster in analogen Beispielen u.a. durch Substitutions- oder Syntheseübungen gefestigt und angewendet.

Die formalen Kenntnisse (also das betreffende grammatische Phänomen oder die ”Regel”) funktional in der Sprachpraxis anzuwenden, ist bei diesen beiden letztgenannten Unterrichtsverfahren problematisch. Sie können aber durchaus vorteilhaft sein für bestimmte Lernertypen und für Kurse, die eher eine theoretische Kenntnis als die praktische Anwendung der Sprache zum Ziel haben.

Umstritten und offen in der Didaktik des Fremdsprachenunterrichts ist allgemein, also auch für DaF, welche Grammatik, wie viel an Grammatik zu welchem Zeitpunkt zu vermitteln sei.

Geht man von den Lernern und ihren Interessen aus, wird bei Anfängern sowohl im ungelenkten als auch im gelenkten Spracherwerb zuerst das kommunikative Interesse überwiegen. So wird zunächst alles das an Grammatik aufgenommen bzw. zu vermitteln sein, was den Lernern in Situationen, die ihrer Alters- und Lernstufe sowie ihrem sozialen Umfeld entsprechen, adäquate Kommunikation möglich macht.

Im ungelenkten Spracherwerb besteht zunächst kein Interesse an Kenntnis systematischer Grammatik. Das Interesse daran als Ordnungssystem kann sich erst später – wenn überhaupt – einstellen. Meist wird nur das an grammatischen Erscheinungen (und durchaus auch an Lexik) gelernt, was der Kommunikation dient. Die Orientierung am Normensystem und daraus resultierende sprachliche Korrektheit haben meist geringere oder gar keine Bedeutung.

Im gelenkten Spracherwerb des Sprachunterrichts hingegen ist von Anfang an Lernziel die sprachliche Korrektheit, die sich am Normensystem orientiert. Die sprachlichen Erscheinungen werden mit ihrer grammatischen Regelhaftigkeit vermittelt, die nicht nur Orientierung sondern auch Möglichkeiten bietet, selbstständig Sprache zu erschließen und weiterzulernen.

Ein besonderes Problem stellen Auswahl und Progression der zu vermittelnden Grammatik dar. Als Grundsatz gilt, dass vom Leichteren zum Schwierigeren, vom Bekannten zum Neuen fortgeschritten wird. So etwa lassen sich aus präpositionalen Satzgliedern die entsprechenden Gliedsätze leicht ableiten, da sie inhaltlich sofort verstanden werden und sich das Lerninteresse ganz auf die syntaktischen Besonderheiten (Endstellung des finiten Verbs) konzentrieren kann: z.B.

Sie mietet die Wohnung wegen ihrer günstigen Lage.
Sie mietet die Wohnung, weil sie günstig liegt.

Ein pragmatisch-kommunikativer Sprachunterricht wird besonders im Anfängerunterricht von einer Progression der Situationen und Mitteilungsbereiche ausgehen und die grammatischen Elemente liefern, die zu ihrer Bewältigung notwendig sind. So können z.B. mit der Situation ”Vorstellungsgespräch” neben den allgemeinen Begrüßungsformeln u.a. die Verben sein, heißen, kommen aus und andere, die Pronomina Sie, ich/wir und sie/er, das Präsens und durchaus auch schon das Perfekt vermittelt werden, da in dieser Situation vergangenheitsbezogene Fragen und Antworten keineswegs selten sind.

Bei der Methode der Beispielgrammatik werden grammatische Phänomene in Form von exemplarischen Strukturen präsentiert, welche stellvertretend für die verschiedenen Aspekte einer Grammatikregel stehen. Anhand dieser Beispiele formulieren die Lerner die entsprechenden grammatischen Merksätze.

Beispiel.JPG

Der Analogieschluss ermöglicht den Transfer vorhandenen grammatischen Wissens auf neu zu erschließende grammatische Phänomene. Voraussetzung dafür ist ein gemeinsames Charakteristikum beider grammatischer Sachverhalte. Zunächst machen sich die Lerner wiederholend die bekannte grammatische Struktur als Ableitungsbasis bewusst, übertragen anschließend dieses Wissen auf das neue Grammatikthema, erkennen dabei Gemeinsamkeiten und Unterschiede zur Ableitungsbasis und bilden schließlich Beispiele des neuen grammatischen Phänomens.

Beispiel Französisch: Pluralbildung bei Adjektiven ausgehend von der Pluralbildung bei Substantiven als Ableitungsbasis

Fortgeschrittener Spracherwerb

Im Unterricht mit Fortgeschrittenen werden Auswahl und Angebot an Grammatik zumindest durch zwei Faktoren maßgeblich bestimmt: – Die gelernte Grundgrammatik muss ergänzt und erweitert werden, damit die Lernenden zu einer Sprachkompetenz gelangen, die ihren Lernvorstellungen entspricht, und ihre Einsicht in das ”Funktionieren” der Sprache gefördert wird. – Die (authentischen) Texte, die auf Grund der Zielsetzung der jeweiligen Kurse der Arbeit zu Grunde liegen, bieten eine Vielfalt von neuen grammatischen Erscheinungen, auf die eingegangen werden muss.

Im fachsprachlichen Unterricht (der sinnvollerweise Unterricht im fortgeschrittenen Spracherwerbsstadium ist) wird sich die Vermittlung von Grammatik ganz besonders an den Textgrundlagen orientieren. Grammatik spielt oft eine entscheidendere Rolle in der fachsprachlichen Verständigung als fachsprachliche Lexik. Sie muss aber für die einzelnen Fachsprachen durch ausgedehnte Analyse entsprechender Fachtexte gewonnen und danach systematisiert werden.

Die Grammatik, die vermittelt wird, muss selbstverständlich geübt und gefestigt werden, ganz besonders im Anfängerunterricht. Übungen zur Einsicht in die Sprache und ggf. zur Austauschbarkeit grammmatischer Ausdrucksmittel gehören in den Unterricht mit Fortgeschrittenen. Eine Vielzahl von Übungstypen steht dafür zur Verfügung.

Ein Vergleich mit der Ausgangssprache kann durchaus positiv wirken, unter Umständen auch die Übersetzung, da sie die Verwendung unterschiedlicher grammatischer Ausdrucksmittel deutlich machen kann, z.B. deutsches Adverb / italienischer gerundio / englische Verlaufsform:

dtsch. Er kommt gerade.
ital. Sta arrivando.
engl. He is coming.

Die affektive Grammatikvermittlung geht von der lerntheoretischen Grundannahme aus, dass Inhalte, die mit starken Emotionen verknüpft sind, sofort und dauerhaft im episodischen Gedächtnis gespeichert würden, während Inhalte ohne solche Verknüpfungen erst durch mehrere Wiederholungen vom Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis übergingen. Demgemäß ließe sich effektiver lernen, wenn grammatische Inhalte so präsentiert würden, dass die Gefühlswelt der Schüler angesprochen würde. Das kann zum einen durch den Lebensweltbezug des Inhaltes für die Schüler geschehen, zum anderen durch kreative Tätigkeit der Lernenden z.B. beim Erfinden von Eselsbrücken. Letztere gelten wegen ihrer meist verkürzten und pointierten Darstellung eines grammatischen Phänomens als Brücke zwischen affektivem und kognitivem Lernen und eignen sich daher gut zum Erlernen von Sprachen.
Beispiele für Eselsbrücken im Französischunterricht:

  • Auf der Oder schwimmt kein Graf
  • Beim Wünschen, Wollen und beim Muss, nimm subjonctif, sonst gibt's Verdruss!
  • à und le, oh welch ein Graus - mach au daraus!

Die inhaltsbezogene Grammatikvermittlung hebt sich von der traditionellen Lehrbucharbeit ab, indem sie nicht aus eigens dafür konstruierten Texten grammatische Phänomene erschließt, sondern in authentische Texte eingebunden ist. Die Arbeit mit dem literarischen Text spricht zum einen das ästhetische Empfinden der Schüler an, zum anderen haben die Schüler ein Problem und das Bedürfnis, es zu überwinden, nämlich neben dem Inhalt auch die grammatikalischen Strukturen des Textes zu verstehen. Gelingt dies, so bleibt dies als Erfolgserlebnis in Erinnerung – Grammatikarbeit wird positiver als im herkömmlichen Unterricht assoziiert und als notwendiger Bestandteil der Sprachrezeption begriffen. Ein Nachteil dieser Methode kann in der Komplexität authentischer Texte bestehen, wenn diese eine Vielfalt grammatikalischer Strukturen und eine zu große Zahl unbekannter Wörter beinhalten, da so die Konzentration auf ein isoliertes grammatisches Phänomen erschwert würde und die Motivation, den Text zu verstehen, sinkt.
Beispiele für die Verknüpfung von Grammatik und Lektüre-Arbeit:

  • Vor der Lektüre: Hypothesen bilden (Unterscheidung von Indikativ und Subjonctif)
  • Während der Lektüre: Antizipieren der Handlung (Verwendung des Futur simple)
  • Nach der Lektüre: sprachproduktive Aktivitäten (Diskussion oder résumé)

Grammatische Termini

Was die Verwendung von Terminologie angeht, sollte der Grundsatz gelten, dass so wenig wie möglich und so viel wie nötig zur raschen Verständigung verwendet wird. Sie sollte allerdings nicht überbewertet werden und sich nach den Vorkenntnissen der jeweiligen Lernenden richten. Ob dabei die Terminologie verwendet wird, wie sie ggf. im Unterricht in der Ausgangssprache üblich ist, oder die lateinische, ist oft von zweitrangiger Bedeutung und hängt nicht nur vom verwendeten Lehrbuch, sondern manchmal auch von den Vorschriften der jeweiligen Unterrichtsbehörden ab. Es sollte jedoch auf eine einheitliche Terminologie geachtet werden, da so unnötige Schwierigkeiten vermieden werden.

Schritte im Unterricht

Wird bei der Vermittlung neuer Grammatik von einem (authentischen) Text ausgegangen, könnte unter Verwendung unterschiedlicher Arbeits- und Sozialformen u.U. so vorgegangen werden:

  1. Aufsuchen der neuen = unbekannten Grammatik,
  2. Zusammenstellen aller Funde,
  3. Suchen ähnlicher Ausdrucksformen/Paraphrasierungen,
  4. Vergleichen und Regelmäßigkeiten ableiten,
  5. Systematisierung durch Übungen,
  6. Anwendung (Paraphrasierungen umwandeln oder ersetzen, geänderten Text rekonstruieren, in einem Paralleltext aufsuchen, Transfer usw.)

Weblinks

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