Individualisierung des Unterrichts

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Unter der Individualisierung des Unterrichts versteht man eine Organisationsform schulischen Lernens, bei der heterogenen Lerngruppen gemeinsam unterrichtet werden und dennoch jeder Einzelne entsprechend seiner persönlichen Kompetenzen und Bedürfnisse individuell gefördert wird.


Gründe für Individualisierung

Individualisierung ist ein Versuch, mit Heterogenität an Schulen sinnvoller umzugehen als bisher. Das deutsche Schulsystem beruht traditionell auf einer angestrebten Homogenisierung von Lerngruppen: Das Lernen erfolgt im Gleichschritt und diejenigen Schüler, die nicht mitkommen, bleiben sitzen. Vor allem internationale Leistungsvergleichsstudien haben gezeigt, dass sich ein solches Vorgehen nicht bewährt hat. Im individualisierten Unterricht wird Heterogenität als Bereicherung angesehen. Diesem neuen Unterrichtskonzept liegen konstruktivistische Lerntheorien zugrunde. Diese Ansätze verstehen Lernen als aktive Auseinandersetzung des Individuums mit seiner Umwelt und gehen davon aus, dass jeder Mensch im Laufe seines Lebens individuelle Interessen, individuell bevorzugte Lernmethoden sowie ein individuelles Lerntempo entwickelt und dass ein guter Unterricht dieser Tatsache Rechnung tragen muss.


Merkmale von individualisiertem Unterricht

Chancengerechtigkeit: Jede Schülerin und jeder Schüler enthält eine angemessene Förderung entsprechend ihrer/seiner individuellen Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten. Die Aufgaben sind so konstruiert, dass die/der jeweilige Schüler/in damit weder über- noch unterfordert ist.

Binnendifferenzierung: Die Schüler bearbeiten nicht alle gleichzeitig dieselbe Aufgabe, sondern beschäftigen sich gleichzeitig mit einem bestimmten Thema und können dabei aus verschiedenen Lernangeboten wählen.

Kompetenzorientierung: Ziel des Unterrichts ist nicht mehr vorrangig die Vermittlung von fachlich-inhaltlichem Wissen, sondern der Erwerb von Kompetenzen.

Aufgabenorientierung und damit eine Reduzierung der lehrerzentrierten Instruktionsphasen.

Lernen durch Interaktion: Teamarbeit erhält besonderen Stellenwert. Die einzelnen Schüler leisten individuelle Beiträge für ein gemeinsames Vorhaben und helfen sich gegenseitig.

Arten von Individualisierung

„Individualisierung von oben“

Damit bezeichnet man sämtliche Maßnahmen, die von der Lehrkraft (oder der Schule) ergriffen werden, um einzelne Schüler individuell entsprechend ihrer Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten zu fördern. Man unterscheidet zwischen unterrichtsergänzenden Maßnahmen (z.B. Förderunterricht für Schüler mit Lernschwierigkeiten) und unterrichtsinternen Maßnahmen (z.B. differenzierte Arbeitsblätter/Aufgabenstellungen, Stationenlernen usw.).

„Individualisierung von unten“

Dabei werden die Lernprozesse nicht von der Lehrkraft, sondern von den Schülern weitestgehend selbstständig und eigenverantwortlich geplant, gesteuert, überwacht und bewertet (= selbstreguliertes Lernen). Jede/r einzelne Schüler/in kann innerhalb bestimmter Grenzen selbst entscheiden, was, wie und wie schnell sie/er lernt, darf also über Inhalt, Methoden und zeitlichen Rahmen mitbestimmen. Die Lehrkraft wirkt nicht mehr als unbedingt notwendig auf den Unterricht ein.

Rolle der Lehrkraft

Mit der Individualisierung des Unterrichts verändern sich auch die Aufgaben der Lehrenden. Eine gute Planung und Organisation des Unterrichts ist das A und O bei Individualisierung. Die Lehrkraft muss geeignete Rahmenbedingungen sowie eine angenehme Arbeitsatmosphäre schaffen, damit alle Schüler gleichzeitig unterschiedlichen Tätigkeiten nachgehen können, ohne dass dabei Chaos entsteht. Der Unterricht muss so geplant sein, dass die Schüler sich den jeweiligen Lerngegenstand auf unterschiedliche Art und Weise aneignen können und dass die Aufgabenstellungen verschiedene Lösungswege zulassen und an die individuellen Kompetenzniveaus der einzelnen Schüler angepasst werden können. Die Unterrichtsmaterialien sollen die Individualität der Schüler berücksichtigen, ihre Eigentätigkeit fördern und sie zu aktiven Denkleistungen animieren. Die Lehrkraft sollte sich während des Unterrichts so weit wie möglich im Hintergrund halten und den Schülern nur dann helfen, wenn sie selbst um Hilfe bitten. Anhand von Beobachtungen sowie durch die Analyse von Arbeitsergebnissen muss die Lehrkraft einschätzen können, welche Schüler umfassendere und gezieltere Hilfestellungen benötigen und von welchen hingegen ein höheres Maß an Eigeninitiative und Selbstständigkeit gefordert werden darf (pädagogische Diagnose). Jede/r Schüler/in enthält vonseiten der Lehrkraft individuelle Beratung und Unterstützung für ihre/seine persönlichen Lernprozesse (Lernprozessberatung).

Vorteile von individualisiertem Unterricht

Individualisierung verhindert eine beständige Über- bzw. Unterforderung der Schüler und folglich eine Verringerung der Lernmotivation aufgrund zunehmender Wissenslücken oder Langweile. Die Schüler lernen, Verantwortung für ihr eigenes Handeln zu übernehmen. Selbstreguliertes Lernen fördert die aktive Auseinandersetzung mit dem Lerninhalt. Dadurch wird das Gelernte intensiver verarbeitet als durch rezeptives Lernen. Durch Interaktion innerhalb der heterogenen Lerngruppe lernen die Schüler voneinander. Sie verstehen Sachverhalte oft besser, wenn sie ihnen von Gleichaltrigen statt von der Lehrkraft erklärt werden. Die helfenden Schüler können gleichzeitig das Gelernte besser verinnerlichen, indem sie es ihren Mitschülern mit eigenen Worten erklären.


Schwierigkeiten bei der Umsetzung

Im deutschen Schulsystem gelingt es nur zögerlich, sich von der traditionellen Organisationsform schulischen Lernens, welche auf Selektion und Leistungshomogenisierung basiert, abzuwenden. Individualisierung ist eine umfassende Gesamtkonzeption, welche nur dann erfolgreich sein kann, wenn sie in allen Bereichen des schulischen Lebens umgesetzt wird. Wenn individualisierter Unterricht stattdessen nur gelegentlich stattfindet, werden sich die Schüler in solchen Phasen eher überfordert fühlen, da sie selbstreguliertes und eigenverantwortliches Lernen nicht gewohnt sind. Individualisierung erfordert einen Mentalitätswandel bei den Lehrkräften, welche sich auf ihre veränderte Rolle im Unterricht einstellen müssen. Dies kann zu mentalen Widerständen und dem Gefühl von Überforderung führen. Durch Individualisierung vergrößert sich das Leistungsgefälle innerhalb der Lerngruppen, da alle Schüler in ihrem individuellen Tempo lernen. Kritiker der Individualisierung befürchten, dass sich lernschwächere Schüler unter Druck gesetzt fühlen, wenn sie sehen, dass einige Mitschüler in ihrem Lernen schon viel weiter fortgeschritten sind.

Individualisierung im Fremdsprachenunterricht

Auch im Fremdsprachenunterricht kann man durch Berücksichtigung verschiedener Lernertypen gleichmäßigere Lernfortschritte erzielen. Mithilfe von Sprachlerneignungstests wurde festgestellt, dass die Lerner in der Sprachaneignung unterschiedliche Präferenzen zeigen, dass also jeder Schüler eigene Aneignungstechnicken, Arbeitsverhalten und Lernrhythmen aufweist. Um die Fortschritte annähernd gleich zu halten, ist es deshalb sehr wichtig, die Lernmethoden so anzupassen, dass die verschiedenen Lernstile berücksichtigt werden. Idealerweise sollten die unterschiedlichen Sozialformen des Fremdsprachenunterrichts (Binnendifferenzierung und Individualisierung) sowie lernerorientierte Unterrichtsmethodologie und ansprechende Übungen in den Unterricht Eingang finden. Der Lehrende beobachtet und begleitet bei der Umsetzung des Unterrichts nicht nur den Lernprozess der Klasse, sondern auch der einzelnen Schüler, besorgt geeignetes Material für die Individuen, versieht sie mit Tipps und setzt sich mit auftretenden Problemen auseinander. Wenn die verschiedenen Niveaus der Lernenden eine Differenzierung verlangen, kann man auch verschiedene Arbeitsgruppen bilden. Dementsprechend kann sich eine Gruppe, die Schwerigkeiten mit der Aussprache hat, mit Phonetikübungen beschäftigen, eine fortgeschrittene Gruppe kann schwierigere Grammatikübungen lösen usw. Bezogen auf den Fremdsprachenunterricht ist folglich das Nebeneinander verschiedener Lehrmethoden und Inhalte sowie die Einbeziehung der verschiedenen Fähigkeiten und Lernmechanismen, die die Schüler mitbringen, ein wichtiges Ziel.


Bibliographie

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