Interkulturell

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Interkulturell als Schlagwort tauchte Mitte der siebziger, Anfang der achtziger Jahre zunächst in der pädagogischen und dann sehr bald in der fremdsprachendidaktischen und -methodischen und auch literaturwissenschaftlichen Diskussion auf und meinte das in einer Gesellschaft, in der sich viele (unterschiedliche) Kulturen begegnen (‘multikulturelle Gesellschaft‘), notwendige Lernen voneinander, das zum besseren Verstehen und zum Verständnis der jeweils anderen Kultur und seiner Menschen aber auch der eigenen Kultur und des eigenen Verhaltens führt. Es geht darum, die Bereitschaft und Fähigkeit zu entwickeln, sich in die Einstellungen und daraus resultierende Verhaltensweisen anderer einzufühlen (Empathie), sie zu verstehen, zu tolerieren und daraus für das eigene Verhalten zu lernen.

Bewertung des Begriffs

Der Begriff wurde sehr bald ab Mitte der achtziger Jahre als schmückendes Beiwort vielen anderen Begriffen hinzugefügt. Es wurde und wird gesprochen von der interkulturellen Schule, vom interkulturellen Ansatz und von interkultureller Didaktik, sowohl in der Pädagogik als auch im Bereich der Methodik des Fremdsprachenunterrichts, von interkultureller Wortschatzarbeit, sowie von interkultureller Kommunikation und interkultureller Landeskunde, die beide sehr stark das Lehrmaterial vor allem im wirtschaftssprachlichen Bereich dominieren, da so über das bessere Verstehen und Überdenken der fremden und der eigenen Kultur die Möglichkeit zu Missverständnissen zwischen (Verhandlungs-)Partnern klein gehalten oder vermeidbar gemacht werden soll. Gerade hier ist aber wiederum die Gefahr nicht zu übersehen, dass sich aus den Konventionen der Interaktion (neue) Stereotypen und Vorurteile bilden können, die der eigentlichen Absicht der interkulturellen Kommunikation/Landeskunde völlig entgegengesetzt sind. Nicht vergessen werden darf die interkulturelle Germanistik mit ihrer fremd- oder außenperspektivischen Sichtweise von Literatur, Kultur und Sprache, wobei diese Sicht – das muss kritisch angemerkt werden – mehr aus der Germanistik des Inlands als aus der des Auslands dargestellt wird.

Verlust der Kontur

Im Laufe der Zeit hat der Begriff durch seinen allzu häufigen Gebrauch in den unterschiedlichsten Zusammenhängen immer mehr an Konturen verloren und dient häufig nur als schwammiges Modewort, das Modernität vortäuscht. Oft genug ist festzustellen, dass unter dem Vielen, was mit dem Schlagwort interkulturell versehen ist, bereits längst Bekanntes aus Komparatistik, kontrastiver Linguistik, Volks- und Völkerkunde bzw. ethnologisch orientierten und anderen Fächern und Forschungsbereichen als vorgeblich neu und modern angeboten wird.

Weblinks

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    In dem Artikel werden die Interkulturelle Pädagogik und die interkulturelle Fremdsprachendidaktik hinsichtlich des Einbezugs des Faktors Macht in interkulturelles Lernen miteinander verglichen. Während die Pädagogik bei inhaltlichen, didaktischen oder sprachenpolitischen Überlegungen wirtschaftliche und politische Ungleichheiten mit einbezieht, fehlt diese Dimension in der Fremdsprachendidaktik fast völlig.

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