Interkulturelles Lernen

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Interkulturelles Lernen

Durch die zunehmende Globalisierung ist die interkulturelle Kompetenz zu einem nicht zu vernachlässigenden Schlüsselbegriff geworden, dessen Bedeutung letztendlich auch in den Bildungsstandards Rechnung getragen wird. Dabei geht es um den Umgang mit Fremd-Spezifischem, also der fremden Sprache, aber auch den unterschiedlichen kulturellen Eigenheiten. Ziel einer solchen Didaktik ist es, dass sich die Schüler sowohl mit der fremden, als auch mit der eigenen Kultur auseinandersetzen, da die Wahrnehmung des Fremden schließlich auch Einfluss auf das individuelle Selbstbewusstsein hat. So geht es, wie in den Bildungsstandards erwähnt, einerseits um die Vermittlung von „soziokulturellem Orientierungswissen“, andererseits aber auch um eine kritische Reflexion sowie die „praktische Bewältigung von interkulturellen Begegnungssituationen“. Interkulturelles Lernen ist individuell und orientiert sich an dem jeweiligen Schüler mit seinen Haltungen, Einstellungen und Verhaltensweisen, auf die seitens des Lehrers Wert gelegt werden sollten.


Schwerpunkte interkulturellen Lernens

Interkulturelles Lernen ist ein sehr komplexer und weit gefasster Bereich, weshalb die Förderung unterschiedlicher Teilkompetenzen angestrebt wird. Nach Byram sollte interkulturelles Lernen daher über folgende fünf Kompetenzschwerpunkte erfolgen:

1. Savoir = Interkulturelles Wissen, welches Schülern als Begründungs- und Orientierungswissen dient und sie dazu befähigt, sich mit fremdsprachigen Texten, Bildern, Filmen auseinander zu setzen und diese zu entschlüsseln. Die Schüler machen sich mit gängigen Sicht- und Verhaltensweisen der eigenen und fremden Kultur vertraut und können sich kritisch damit auseinander setzen.

2. Savoir-faire = Interkulturelle Handlungsfähigkeit, welche die Schüler dazu befähigt, in ungewohnten Situationen interkulturell angemessen zu handeln. Die Schüler reagieren auf Fremdes nicht mit Angst, sondern können kulturelle Differenzen, Missverständnisse und Konfliktsituationen erkennen, sich in gegenseitigem Respekt darüber austauschen und kooperativ handeln.

3. Savoir-être = Interkulturelles Bewusstsein, das die Schüler in die Lage versetzt, andere Perspektiven als die eigene zu übernehmen, eigene Haltungen zu reflektieren, Werte in Frage zu stellen, Empathie zu zeigen und kulturelle Vielfalt zu akzeptieren.

4. Savoir-s’engager = Fähigkeit für ein interkulturelles Bewusstsein und eine kritische Beurteilung der Eigen- und Fremdkultur.

5. Savoir-apprendre/comprendre = Fähigkeit zum lebenslangen interkulturellen Lernen, d.h. die Fertigkeit, zusätzliches interkulturelles Wissen zu erwerben und kulturellen Phänomenen im Dialog mit Anderen Bedeutung zuzuschreiben, sie zu interpretieren und in einem interkulturellen Kontext zu verstehen.

Vorteile interkulturellen Lernens

Beim interkulturellen Lernen setzen sich die Schüler mit anderen Kulturen auseinander und lernen diese besser kennen und verstehen. Dies dient z.B. dem Abbau von Stereotypen und leistet somit einen positiven Beitrag für die Völkerverständigung. Es erweitert den Horizont der Lerner auch hinsichtlich der Gegenüberstellung von Kulturen, also dem Vergleich der eigenen Kultur mit einer anderen und hilft somit auch, einen kritischen Blick auf das Gewohnte und Alltägliche des eigenen kulturellen Umfelds zu gewinnen. Durch Kenntnis des kulturellen Kontextes des anderen Landes kann man darüber hinaus sprachliche Phänomene besser verstehen, da die zu erlernende Sprache ja die entsprechende Kultur widerspiegelt. Außerdem sind die Aufgaben für die Schüler interessant, weil sie abwechslungsreich, interaktiv und realitätsnah sind. Inhalte und Situationen sind authentisch und bieten dadurch guten Anlass zur Kommunikation bei den Übungen im Unterricht. Interkulturelles Lernen bietet eine große Palette an Möglichkeiten zur Aufgabengestaltung und – kreative Komponente – auch vielfältige Lösungsmöglichkeiten.


Nachteile bzw. Schwierigkeiten bzgl. der Operationalisierbarkeit interkultureller Kompetenz

Die Schwierigkeit der interkulturellen Kompetenz liegt in ihrer eindeutigen Ausdifferenzierung und der damit verbundenen Nach- bzw. Überprüfbarkeit im schulischen Rahmen. Interkulturelles Lernen als Weg zum Ziel der interkulturellen Kompetenz ist kein eigenes Fach, sondern entfaltet sich sowohl binnenfachlich im Fremdsprachenunterricht als auch fächerübergreifend in Form von Schüleraustauschen, Projekten o. ä. Hinzu kommen die verschiedenen Schulformen, eine teilweise stark differierende Bildungspolitik auf Länderebene, die geographische Lage der jeweiligen Schule und damit Nähe bzw. Ferne zur Fremdsprache (z.B. Französisch) sowie unterschiedlich engagiertes Lehrpersonal, die eine vereinheitlichende Konkretisierung der Parameter, aus denen sich die interkulturelle Kompetenz konstituiert, erheblich erschweren. Dabei ist die Kompetenzformulierung in den Bildungsstandards, Rahmenlehrplänen und dem Gemeinsamen europäischen Referenzrahmen (GeR) an sich schon ein erster Schritt in Richtung länderübergreifender Vereinheitlichung zur besseren Orientierung und Vergleichbarkeit. Formulierungen wie „verständnisvoller Umgang mit kultureller Differenz und praktische Bewältigung interkultureller Begegnungssituationen“ (Sekretariat 2004: 8) in den Bildungsstandards beschreiben einen idealen Soll-Zustand, aber weder den Weg noch die entsprechenden Aufgaben, die zu diesem ‚Output’ führen. Das birgt die Gefahr, dass Unterricht entlang der Kompetenzformulierungen versucht wird auszugestalten und im Zuge dessen der ‚Output’ gegenüber dem ‚Input’ dominiert, was in bestimmten Unterrichtssequenzen nicht unbedingt von Vorteil ist (auch oder gerade im Hinblick auf thematische Erwartungshaltungen im MSA oder Zentralabitur). Auch bleiben in den Kompetenzformulierungen die jeweils unterschiedlichen Voraussetzungen der Schüler unberücksichtigt (Motivation, Interesse, Bildungshintergrund, ‚mono- vs. multikulturelle’ Sozialisation, berufliche Absichten/Ziele etc.), die in ihrer variablen und prozesshaften Ausprägung besonders in der Pubertät einen ganz erheblichen Einfluss auf eine zu entwickelnde Kompetenz haben. Wichtige Dimensionen wie Sprachbewusstheit (‚language awareness’), Selbstreflexivität und Selbstkompetenz werden dabei nicht genannt, veranschaulichen aber gerade die Komplexität des Kompetenzbegriffs und die Schwierigkeit, dies in abrufbare, vergleichbare und somit auch für Jeden lernbare Komponenten zu untergliedern. Ein weiterer Aspekt ist die vorgelagerte eigene kulturelle Identitätsfindung und damit einhergehend die Frage nach dem in diesem Kontext zugrunde gelegten Kulturbegriff, welcher innerhalb Deutschlands regional verschieden ausgelegt wird. Man sollte zudem nicht aus den Augen verlieren, dass jeder Mensch einzig und von Natur aus mit Stärken und Schwächen ausgestattet ist und unsere Gesellschaft von dieser Art Heterogenität produktiv und kreativ profitiert. Eine Sensibilisierung und Vorbereitung auf Kompetenzerwartungen einer immer flexibler werdenden Arbeitswelt wird nicht infrage gestellt, aber sollte nicht als Damoklesschwert über jeder Unterrichtsstunde hängen.

Literaturangaben

  • Ursula Bertes, Sandra de Vries, Nino Nolte (Hg.) (2007): Fremdes Lernen. Aspekte interkulturellen Lernens im internationalen Diskurs. Münster: Waxmann Verlag.
  • Michael Byram (1997): Teaching and Assessing Intercultural Communicative Competence. Clevedon: Multilingual Matters.