Konstruktivismus

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Die konstruktivistische Didaktik hat sich neben dem Kognitivismus in den 1970er Jahren entwickelt. Dabei geht der Konstruktivismus von einem erkenntnistheoretischen Ansatz aus und unterscheidet sich somit stark vom Instruktionismus.


Theoretischer Hintergrund

Der erkenntnistheoretische Ansatz des Konstruktivismus geht davon aus, dass die Wahrnehmung der Welt immer eine Konstruktion des Wahrnehmenden ist und somit nicht objektiv. Heinz von Foerster schrieb dazu den Leitsatz: „Die Umwelt, so wie wir sie wahrnehmen, ist unsere Erfindung“ . Die Wirklichkeit wird also durch die Sinne wahrgenommen und die Bedeutung dessen wird in den Köpfen konstruiert. Dabei entstehen aber je nach Individuum unterschiedliche „Bilder“ für das gleiche Objekt. Nur durch Bedeutungsaushandlungen, also dem gemeinsamen Handeln, der Interaktion mit anderen wird eine Art Objektivität ausgehandelt, also Begrifflichkeiten, die viabel sind. Nach dem radikalen Konstruktivismus ist das Gehirn selbstreferentiell und selbstexplikativ. Das bedeutet, dass Lernprozesse nicht von außen steuerbar sind, sondern immer individuelle und aktive Wissenskonstruktionen. Diese sind dabei auch immer vom Vorwissen des Individuums abgängig. Auch der gemäßigte Konstruktivismus versteht Individuen als „selbstorganisierende Systeme“ , allerdings berücksichtigt dieser die soziale Interaktion der wahrnehmenden Individuen. Dabei werden die individuellen Bedeutungskonstruktionen abgestimmt und somit sozial brauchbar, also viabel. Der Lernprozess ist also konstruktiv, selbstgesteuert, subjektiv und aktiv, weil die jeweiligen individuellen Bedeutungskonstruktionen des Individuums vorausgesetzt werden. Und er ist situativ und sozial, weil nur im gemeinsamen Handeln die Bedeutungen verifiziert oder falsifiziert werden können.


Konstruktivistischer Unterricht

Ein konstruktivistischer Unterricht ist stets schülerzentriert; der Lehrer schafft Lernsituationen. Er fungiert als Berater und soll die Lernenden unterstützen und anregen. Diese Lernsituationen sind dadurch charakterisiert, dass sie offen gestaltet sind und für die Schüler einen Anlass zu Aktivität darstellen. Dafür müssen die Lerninhalte von den Schülern aber als bedeutsam und sinnvoll empfunden werden, d.h. sie sollten für die Schüler relevant und problemorientiert sein. Der Lehrer soll nun die bisherigen Bedeutungs- und Wirklichkeitskonstruktionen der Lernenden herausfordern: „Lernen – auch Sprachenlernen – geschieht, wenn diese Konfrontation als Verstörung (konstruktivistisch gesprochen: als Perturbation) erlebt wird und die Lernenden nach Auflösung der Irritation streben“ .


Vor- und Nachteile konstruktivistischer Didaktik

Ein wesentlicher Vorteil des Konstruktivismus ist, dass die Eigenverantwortung der Schüler im Lernprozess in hohem Maße gefördert wird. Bleyhl versteht Sprachenlernen als einen „Prozess der Selbstorganisation“ . Des Weiteren wird durch die Bedeutungsaushandlung die mündliche Sprachkompetenz betont, wobei auch die soziale Interaktion der Schüler eine große Rolle spielt und soziale Kompetenzen ausgebaut werden können. Trotzdem gibt es auch Kritikpunkte: Die Umsetzung einer konstruktivistischen Didaktik ist stark von der Schülergruppe abhängig, da eine hohe Motivation und ein hoher Grad an Selbstorganisation seitens der Schüler vorausgesetzt wird. Außerdem ist diese Methodik nicht sehr zeiteffizient, wodurch die Einhaltung des Rahmenlehrplans schwierig werden kann. Obwohl auf die mündliche Sprachkompetenz im Konstruktivismus sehr viel Wert gelegt wird, so wird auf Fehlerkorrekturen doch oft verzichtet. Außerdem kann nicht jeder Inhalt durch Bedeutungsaushandlungen erarbeitet werden - der Input durch den Lehrer muss irgendwann erfolgen.


Quellen

Bleyhl, W./ Leupold, E./Reinfried, M.: Ist eine konstruktivistische Wende im Fremdsprachenunterricht sinnvoll? – Ein kontroverses Gespräch.

Decke-Cornill, H./ Küster, L. (2010): Fremdsprachendidaktik. Tübingen: Narr Francke Attempo Verlag

Foerster, H. v. (1995): Das Konstruieren einer Wirklichkeit. In: Watzlawik, P. (Hrsg.): Die erfundene Wirklichkeit. Wie wissen wir, was wir zu wissen glauben? Beiträge zum Konstruktivismus. München: Piper