Korrektur

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Der Begriff der Korrektur als Verbesserung, Berichtigung, Richtigstellung taucht in verschiedensten Zusammenhängen auf, etwa bei allgemeinen Verhaltensweisen, beim Spracherwerb, sowohl beim gesteuerten wie ungesteuerten mündlichen und schriftlichen muttersprachlichen und fremdsprachlichen usw. Von daher wird dieser Begriff auch unterschiedlich definiert.

Im Sprachunterricht

Im Sprachunterricht ist er eng mit dem Begriff des Fehlers verbunden und wird sehr häufig als Grundlage von Leistungsbewertung gesehen. Da Fehler aber nicht mehr nur als negative Verstöße gegen sprachliche Normen gesehen werden, sondern als durchaus als berechtigter Bestandteil eines Spracherwerbsprozesses, hat auch die Korrektur eine andere Bedeutung erhalten.

Eigen- und Fremdkorrektur

Es wird unterschieden zwischen der Eigen- oder Selbstkorrektur und der Fremdkorrektur.

Die Eigen- oder Selbstkorrektur ist als positives Zeichen für die sich mehr und mehr entwickelnde Fähigkeit bei Lernenden zu sehen, selbstständig sprachlich inadäquate Äußerungen zu erkennen und durch adäquate zu ersetzen.

Die Fremdkorrektur erfolgt u.a. durch die/den Lehrenden im schriftlichen und mündlichen Bereich, meist unter zwei (häufig nicht klar zu trennenden) Aspekten: dem der Leistungsbewertung und/oder Fortschrittskontrolle oder dem der Lernhilfe. So berechtigt und wichtig sicher die Leistungsbewertung und die Fortschrittskontrolle im Spracherwerb sind, so sollte doch das Schwergewicht jeder Korrektur auf ihrer Funktion als Lernhilfe liegen.

Korrekturen sind unverzichtbar, doch muss das Korrekturverhalten altersstufen sowie lernphasengerecht und behutsam sein. Korrekturen dürfen beim betroffenen Lernenden keinesfalls das Gefühl aufkommen lassen, bloßgestellt zu werden.

Bei schriftlichen Arbeiten

Wenig nützlich als Lernhilfen sind Korrekturvermerke bei schriftlichen Aufgaben und Arbeiten nur durch Unterstreichungen im Text und/oder durch Striche am Textrand (oft: senkrechter Strich = ”ganzer”, waagerechter Strich ”halber” Fehler). Lernende nehmen diese Korrekturstriche zwar zur Kenntnis, verarbeiten sie jedoch meist nicht. Statt dieser Striche sollte auf die Art der jeweiligen Fehlleistung hingewiesen werden (z.B. Vbf = Verbform, PP = Personalpronomen, Präp = Präposition, Ww = Wortwahl usw.). Eine derartige Kennzeichnung zeigt Lernenden deutlich, worauf sie sich bei der Verbesserung zu konzentrieren haben. Sie erlaubt zudem Lehrenden eine rasche Feststellung von häufigen ”Fehlern”, also Lernschwierigkeiten, die durch zusätzliche Arbeit (Erklärungen, Übungen etc.) behoben werden können. Für häusliche Arbeit sollten sich Wiederholungsaufgaben anschließen, die so auszuwählen oder zu gestalten sind, dass sie deutlich als Lernhilfe empfunden werden. Auch ist die Anzahl derartiger Aufgaben so zu bemessen, dass sie von den Lernenden wirklich bearbeitet und – was unerlässlich ist – von der/dem Lehrenden durchgesehen werden kann. Nur intensive und gezielte Korrekturarbeit beseitigt nachhaltig Fehler und fördert lernschwache TeilnehmerInnen.

Viel zu selten (oder meist gar nicht) werden bei Korrekturen schriftlicher Arbeiten besonders gelungene Leistungen (Ausdruckswahl, Formulierungen, grammatische Konstruktionen etc.) oder sichtbare Eigenkorrekturen der Lernenden lobend hervorgehoben. Dies ist bedauerlich, da einmal die Motivierung durch solche kurze lobenden Hinweise oder Anmerkungen nicht zu unterschätzen ist, zum anderen die Korrektur ihren negativen Ruf als Suche nach ”Versagen” verliert.

Bei mündlicher Fehlleistung

Die ebenso wichtige Korrektur mündlicher Fehlleistungen gestaltet sich wesentlich schwieriger als die schriftlicher. Diese Korrektur wirft eine Reihe von Fragen auf:

1. Soll überhaupt korrigiert werden oder soll darauf vertraut werden, dass die Fehlleistungen im Lauf des Spracherwerbs von allein verschwinden?
Die Antwort auf diese Frage geben Lernende selbst. Bei Befragungen hat sich gezeigt, dass ein sehr hoher Prozentsatz von Lernenden eine Korrektur wünscht. Begründet wird dieser Wunsch meist damit, dass durch Korrekturen verhindert wird, ständig die gleichen Fehler zu machen, sich den unkorrekten Sprachgebrauch einzuprägen und damit die Zielsprache nicht richtig beherrschen zu lernen. Dies zeigt, dass Lernende nicht unbedingt darauf vertrauen, irgendwann einmal die Sprache ”von allein” korrekt zu beherrschen, sondern dass sie die Hilfe der Lehrenden wünschen. Vor allem dann, wenn die Zielsprache nicht im Zielsprachenland erworben wird, die zur Verfügung stehende Zeit relativ gering ist und jegliche Korrektur von der zielsprachigen Umgebung entfällt.

2. Welche Fehler sollten korrigiert werden?
Grundsätzlich sollten alle Fehler korrigiert werden, die die Verständlichkeit einer Äußerung und die Kommunikation stören. Dabei können durchaus sogenannte ”leichte” Fehler – sofern sie eben nicht die Kommunikation stören – übergangen, aber später in einem anderen Zusammenhang angesprochen werden. Ziel jeder Korrekturen soll nicht allein die formale sprachliche Richtigkeit sein, sondern die Fähigkeit vermitteln, Gedanken und Inhalte angemessen auszudrücken. Auf diese Weise werden korrekter Gebrauch und adäquate Variationen sowohl der Morphosyntax als auch des Ausdrucks im Zusammenhang mit dem Inhalt vermittelt.

3. Wann soll die Korrektur erfolgen?
Für die Korrektur eines Fehlers muss entschieden werden, ob er sofort bei seinem Auftreten, nach Ende einer Äußerung oder erst in einer späteren Phase korrigiert werden soll.

Da eine sofortige Korrektur Redefluss, Gedankengang und Formulierung unterbricht, sollte sie unterbleiben. Sie lenkt vom Inhalt der Äußerung ab und verhindert ggf. sogar eine mögliche Selbstkorrektur durch die/den SprecherIn. Die spontane Korrektur als ”ins Wort fallen” irritiert und kann durchaus zu Hemmungen führen, sich weiter ungezwungen zu äußern. Auch stört sie Zuhörende in ihrer Rezeption des Geäußerten, erschwert es ihnen, die Gesamtmitteilung aufzunehmen und weckt möglicherweise auch in ihnen die Angst vor eigenen Äußerungen.

Bei kurzen Äußerungen (Einzelsätzen) kann die Korrektur gleich anschließend erfolgen.

Eine längere zusammenhängende Äußerung sollte nur dann unterbrochen werden, wenn sie völlig unverständlich ist. Nachfrage durch Mitlernende oder die/den Lehrenden führen zur gewünschten Richtigstellung.

Eine Korrektur nach Abschluss einer Äußerungssequenz ist empfehlenswert, da hierbei noch der Inhalt der Mitteilung allgemein präsent ist und die Aufmerksamkeit bei allen Lernenden noch nicht nachgelassen hat. Die/der Lehrende kann anhand von Notizen die Korrekturen nach sachlichen und/oder inhaltlichen Zusammenhängen vornehmen. So liefert die Korrektur für die/den SprecherIn sofort wieder brauchbare Formulierungs-, für die Hörenden Verstehenshilfen und wird dadurch förderlicher.

Korrekturen in einer späteren Phase (nach völligem Ende der Äußerung oder sogar noch wesentlich später, etwa in einer Folgestunde) sind nicht immer erfolgreich. Die Äußerungen sind nicht mehr gegenwärtig, die Aufmerksamkeit hat (erheblich) nachgelassen. Der Zusammenhang zwischen Korrektur und der fraglichen Äußerung wird nicht mehr gesehen. Die korrigierte Form steht außerhalb ihres ursprünglichen Zusammenhangs und kann nicht angewendet werden. Auch nimmt die Korrektur leicht den Charakter einer Grammatik- oder Ausdrucksübung an, die nicht mehr erkennbar im Zusammenhang mit einer Äußerung steht und dadurch als Lernhilfe an Wert verliert.

4. Wie sollte die Korrektur erfolgen?
Die Art und Weise der Korrektur sollte vor allem deutlich zeigen, dass Fehlleistungen ein normaler Bestandteil des Spracherwerbs sind und keineswegs etwas mit persönlicher Leistungsschwäche oder gar Unfähigkeit zum Erwerb der Sprache zu tun haben. So hat jegliche negativ wertende oder gar herabsetzende Äußerung durch Lehrende zu unterbleiben.

Die Korrektur kann bei kurzen Äußerungen durch Wiederholung der Äußerung als Frage erfolgen, ggf. unter besonderer Betonung des nicht korrekten Satzteiles, sodass auf diese Weise die Eigenkorrektur angeregt und erreicht wird. Auch eine einfache Wiederholung der Äußerung in ihrer korrekten Form ist durchaus brauchbar.

Mimik und Gestik (etwa hochgezogene Augenbrauen, leichtes Kopfschütteln als Signal für eine nicht korrekte Form, einen nicht korrekten Ausdruck oder etwa Drehen der Hand bzw. von ausgestrecktem Zeige- und Mittelfinger als Hinweis auf die Wortstellung usw.) sind Mittel, die Eigenkorrektur der/des Lernenden zu bewirken. Allerdings müssen diese Zeichen vorher als wertfreie Hilfe vereinbart worden sein.

Die Korrektur (anhand von Notizen ggf. in ‘Fehlergruppen‘ geordnet) im Anschluss an Äußerungen soll Lernende zur selbstständigen Korrektur bringen. Die vorgelegten fehlerhaften Sätze müssen in gemeinsamer Arbeit in die richtige Form gebracht werden. Anschließende Formulierungs- oder Variationsaufgaben unterstützen den Lernprozess. Dabei sollte die Übungs- und Aufgabentypologie möglichst abwechslungsreich sein. Zur weiteren Festigung sind ggf. Rückgriffe auf Übungen des/eines Lehrbuchs u.a. möglich.

5. Wer soll korrigieren?
Grundsätzlich ist der Eigenkorrektur durch die/den betroffenen Lernenden der Vorrang vor jeder Fremdkorrektur, d. h. einer expliziten Korrektur durch Lehrende oder Mitlernende, zu geben. Sie kann vom Lernenden selbst kommen oder von außen, einer/einem GesprächspartnerIn (durch Nachfrage u.a.) ausgelöst werden. Eigenkorrekturen entsprechen dem natürlichen Sprachverhalten, sie sind positiver für den Spracherwerb als ausdrückliche Fremdkorrekturen.

Fremdkorrekturen werden häufig als negativ empfunden, da sie zu sehr mit Wertung und Bewertung in Verbindung gebracht werden, dies besonders bei unmittelbaren Korrekturen durch Lehrende. Auch verhindern sie, dass Lernende eigenständig mit der Sprache umgehen und selbst nach Lösungen suchen. Lernende entwickeln dann sehr schnell die Tendenz, alles zu vermeiden, was auf eigene Spracharbeit hinausläuft. Lehrende sollten daher in ihrem Korrekturverhalten möglichst darauf bedacht sein, die Eigenkorrektur der Lernenden anzuregen und zu fördern und nur in unumgänglichen Fällen direkt zu korrigieren.

Noch problematischer ist die Verlagerung von Korrekturen auf Mitlernende, wie sie manchmal angewendet wird. Durch die dabei zwangsläufig sich ergebende scheinbare Teilung einer Lernguppe in ‘Bessere‘ und ‘Schlechtere‘ entsteht ein Gefälle, das zum Ausstieg aus weiterer Mitarbeit bzw. Beteiligung auf der Seite der ‘Schlechteren‘ und damit zum Verlust der Motivation führt, die Sprache zu lernen. Ganz abgesehen davon hat dies auch Auswirkungen auf das gesamte soziale Klima einer Lerngruppe, das weiterreichende Folgen haben kann. So sollte tunlichst diese Art der Korrektur auf das im natürlichen Sprachverhalten übliche beschränkt bleiben. Das setzt jedoch voraus, dass bestimmte Gesprächsmuster (z.B. Nachfrage, Bitte um Erklärung usw.) auch gelernt sein müssen.


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