Kreatives Schreiben

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Kreativität geht auf das lateinische Verb „creare“ (hervorbringen, erschaffen, ins Leben rufen) zurück. Unter Kreativität wird die Eigenschaft verstanden, neues Denken, Empfinden oder Handeln entwickeln, also Transformationen einzuleiten und aus Altem Neues machen zu können (vgl. Brenner 1994).


Definition

Früher galt es als Vorstellungsvermögen, Einbildungskraft, Phantasie oder Produktivität. Heutzutage gibt es viele verschiedene definitorische Fassungen, da es viele verschiedene Verwendungsweisen hierfür gibt. Kreativität in Schreibexperimenten bedeutet, dass man bislang unzugängliche Möglichkeiten des Denkens, Empfindens und Formulierens erschließt (vgl. Brenner 1994). Kreativität ist eine universelle Eigenschaft menschlichen Handelns und Denkens. „Kreativität bezieht sich auf das Denken und Handeln sowie auf das Produkt dieses Denkens und Handelns.“ (Pommerin 1996, 50).

Geschichte

Das Kreative Schreiben ist Teil einer langen Tradition. Schriftsteller aller Zeiten haben entweder überlieferte kreative Techniken ausprobiert und selbst neu erfunden, um sich die Angst vor dem leeren Blatt zu nehmen. Die Formen des kreativen Schreibens gehen bis auf die Antike zurück, wo zum Beispiel Sprachspiele wie das Akrostichon verwendet wurde, welche dem Vergnügen dienten (vgl Böttcher 2000). Ab Ende der 50er Jahre wurde unter Kreativität überindividuelle, gesamtgesellschaftliche relevante und verwertbare Innovationskraft verstanden. Dieses kann man in Verbindung bringen mit dem „kalten Krieg“, wo 1957 die Sowjetunion einen Satelliten ins Weltall schoss, worauf eine Aufholjagd der USA folgte. Die Kreativitätsforschung war damals sehr wichtig um sich (als Nation) zu beweisen. In der Schreibpraxis ist der Begriff unverzichtbar, weil er umfassender ist wie der Begriff „Produktivität“(vgl. Brenner 1994). In Amerika zum Beispiel ist es heute ein eigenes Schulfach und ein Studiengang (creative writing). Auch in Deutschland konnte im schulischen Bereich eine Didaktik des kreativen Schreibens an Bedeutung gewinnen (vgl. Böttcher 2000).

Merkmale und Konzepte

Nach Carl R. Rogers sind die Merkmale des Kreativen Schreibens folgende:

Offenheit gegenüber neuen Erfahrungen ( Extensionalität); also das Gegenteil einer psychischen Abwehrhaltung; das Ertragen von Unklarheiten und Vieldeutigkeiten (Ambiguitätstoleranz); die Bereitschaft, widerstreitende Informationen zu einem Sachverhalt auszuhalen; die Fähigkeit, Sachverhalte aus eigenem Antrieb heraus zu werten; die Fähigkeit zu selbständigem Urteil und die Fähigkeit, mit Elementen und Konzepten der Wirklichkeit (in Gedanken) zu spielen; das spontan-spielerische Umgehen mit Ideen, Beziehungen zwischen Dingen etc.; die Fähigkeit, Wirklichkeitspartikel (gedanklich) auf „unmögliche“ Weise zu kombinieren, etwas von einer Form in eine ungewohnte andere zu bringen.

Rogers sagt, dass Kreativität ein gewagtes Unternehmen sei, denn sie entstehen meist aus besonderen Gefühlen heraus 
(Ich bin allein, ich bin albern, ich bin dumm. etc.).

Kreativität hat mit der Dynamisierung der Innenwelt sowie mit der Verarbeitung der Außenwelt zu tun (vgl. Brenner 1990)

Merkmale nach Brodbeck (Brodbeck 1995, 30) : wenn das Produkt neuartig und wertvoll ist; wenn der Weg, der zum Produkt führt, neuartig ist; wenn wir etwas auf neuartige Weise wahrnehmen, fühlen, erkennen oder denken“

Das Individuum kann über assoziative Brücken aus Altem Neues erschaffen und ist somit achtsam und bewusst gegenüber der eigenen Situation. (vgl. Brenner 1994). Das Prinzip der Irritation besagt, dass im Alltag eingeschliffene Vorstellungsmuster durchbrochen werden (vgl. Spinner 1994 und 1998). Besonders Sprachspiele setzen kreative Prozesse in Gang. Das Individuum sucht schreibend den Ausdruck von Subjektivität und Authentizität (vgl. Fröchling 1987). Kreatives Schreiben wird als Suchbewegung auf dem Wege zur eigenen Identität verstanden. Ein anderes Prinzip des kreativen Schreibens ist die Expression, welcher auch heute im schulischen kreativen Schreiben sehr relevant ist (vgl. Spinner 1993). Imagination gehört auch zu den Prinzipien, welches laut Spinner das Prinzip der Irritation und Expression verbindet und überholt. Beispiele hierfür sind perspektivisches Schreiben, Schreiben zu Bildern und Phantasiereisen (vgl. Böttcher 2000)

Methodengruppen

Nach Ingrid Böttcher (Böttcher 2000, 23-26) werden die folgenden verschiedenen Methodengruppen unterschieden, als eine Art systematische Strukturierung. Sie lassen sich zu unterschiedlichen Themen und in allen Fächern verwenden und auch kombinieren:

Assoziatives Schreiben

Es zielt vor Allem auf die kognitiven und kreativen Prozesse beim Schreiben ab und findet oft in gelenkter Form statt. Assoziative Methoden besitzen einen spielerisch-experimentellen Charakter sowie Planungselemente zur Gliederung eines Themas oder Textes. Sie stellen meist die erste Phase des Schreibprozesses dar. Beispiele: Cluster, Schreiben zu Reizwörtern, Wörterbörse, Fantasiereise (Eindenken in fremde fantastische Welten), Wahrnehmungsübungen

Schreibspiele

Sie haben den Sinn einer „schreibende[n] Geselligkeit“ z. B. Bei Elternabenden, Projektwochen oder Klassenfahrten. Die Teilnehmer verfassen gemeinsam Texte oder arbeiten gemeinsam daran weiter. Die Methode ist besonders beliebt, um den Einstieg ins kreative Schreiben zu erleichtern. Beispiele: Geschichten/ Gedichte reihum, Wörter finden, Klopfwörter, Wörterkoffer

Schreiben nach Vorgaben, Regeln und Mustern

Es handelt sich hier um ein angeleitetes Schreiben mit inhaltlichen Vorgaben (Thema, Satzanfang), formalen Kriterien (Sprachgebrauch u. visuelle Aspekte), strukturelle Aspekte (Elfchen, Schneeballgedicht), literarische und textorientierte Muster (Rondell, Kurzroman). Das Schreiben wird vor Allem als Lerngegenstand und nicht nur als Medium verstanden. Das strukturorientierte Schreiben hilft nach Böttchern „eigene Gestaltungsmöglichkeiten zu entfalten [...]“ Beispiele: Schneeballgedicht, serielles Schreiben, Akrostichon, Geschichten zu Wörtern, Textreduktion

Schreiben zu und nach (literarischen) Texten

Diese Methode bietet eine gute Anregung zum Selber-schreiben. Sie beruht auf dem Prinzip des imitativen Schreibens bzw. Lernens, da die Textvorlage gewisse Regeln vorgibt und einen Perspektivenwechsel zum besseren Verständnis der „Textwirklichkeit“ fordert. Die Imagination und das Schreiben wandeln sich somit während des Schreibprozesses. Beispiele: Zeilen füllen/ Löchertexte, Textreduktion, zu Ende schreiben, sukzessives Ergänzen von Satzanfängen, perspektivisches Schreiben, Werbetexte, Rezepte

Schreiben zu Stimuli

Bei dieser Methode werden die Lernenden durch äußerliche Reize zum Schreiben angeregt. Diese Anregungen haben die Funktion eines Reizmittel oder Ansporn. Es gibt hier einen großen Freiraum für diverse Reize. Sie „provozieren spontane Assoziationen, Fantasie und Imagination“ und geben hierbei keine sprachlichen Gedankenbahnen vor. Eine Verbindung mit den assoziativen Verfahren wird empfohlen, um den Sprachgebrauch zu erleichtern. Beispiele: Musik, Bild, Tanz/Bewegung, Gegenstand, Landschaften, Orte, 4 Elemente (z. B. Wasser), mathematische Begriffe/ Zahlen/ Größen

Weiterschreiben an Texten

Beim Weiterarbeiten an Texten gibt es kreative und kriterienorientierte Verfahren. Hierbei können die gleichen Methoden der Textproduktion auch für die Textrevision benutzt werden. Bei den kreativen verfahren können sich die Kinder alleine oder in der Gruppe eine Methode wählen und so experimentierend mit den eigenen oder fremden texten umgehen. Bei den kriterienorientierten Verfahren können sich die festgelegten Kriterien auf die Wirkung, Intention oder auch schriftliche Normen etc. beziehen und eignen sich besonders für die Bearbeitung kürzerer Texte. Beispiele: Textlupe, Spezialisten, Weiterarbeit an Stationen, Operieren mit Textteilen, Textreduktion

Bibliographie

Böttcher, Ingrid (2000): Kreatives Schreiben. Grundlagen und Methoden. 2. Druck. Berlin.

Brenner, Gerd (1990): Kreatives Schreiben. Ein Leitfaden für die Praxis. Berlin.

Brenner, Gerd (1994): Kreatives Schreiben : Ein Leitfaden für die Praxis ; mit Texten Jugendlicher. 2. Auflage. Frankfurt am Main.

Brodbeck, Karl-Heinz (1995): Entscheidung zur Kreativität. Darmstadt.

Fröchling, Jürgen (1987): Expressives Schreiben. Untersuchungen des Schreibprozesses und seiner Funktion als Grundlage einer Laienschreibdidaktik. Frankfurt am Main.

Pommerin, Gabriele (1996): Kreatives Schreiben. Handbuch für den deutschen und interkulturellen Sprachunterricht in den Klassen 1-10. Weinheim/Basel.

Spinner, Kaspar H. (1993): Kreatives Schreiben. In: Praxis Deutsch 119, 17-23.

Spinner, Kaspar H. (1994): Anstöße zum kreativen Schreiben. In: Christiani, Reinhold (Hrsg.): Auch die leistungsstarken Kinder fördern. Berlin 46-60.

Spinner, Kaspar (1998): Zehn Jahre Elfchen in Deutschland. In: Praxis Deutsch 152, 33.