Landeskunde

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Unter dem Begriff Landeskunde werden Kenntnisse, Wissen über und Verständnis für geografische, politische, wirtschaftliche und soziale sowie kulturelle Gegebenheiten eines Landes, seine Menschen und deren Verhaltensweisen zusammengefasst.

Die Rolle der Landeskunde

Landeskunde soll das Interesse an Informationen über Land und Leute der Zielsprache wecken und befriedigen und die Motivation erhöhen, die Zielsprache zu erlernen. Landeskunde sollte Hintergrundinformationen liefern, die zum besseren Verstehen von Äußerungen (Wörtern, Aussagen), Verhalten der Menschen und von Texten jeder Art beitragen und bestehende Vorurteile oder Klischeevorstellungen verändern.

Sie ist integrierter und unverzichtbarer Teil des Fremdsprachenunterrichts, in dem sie neben ausschnittweisem Wissen über das Land der Zielsprache vor allem Inhalte und Anlässe für sprachliches Handeln, Spracherwerb und -anwendung, liefert.

Kriterien der Auswahl

Eine wesentliche Bedeutung für die Auswahl und Behandlung landeskundlicher Aspekte haben vor allem die Interessenlage und die Bedürfnisse der jeweiligen Lernenden und ihr sprachliches Kenntnisniveau und auch der Lernort, der nicht ohne Einfluss auf die Themenwahl und Art ihrer Behandlung ist.

Für DaF ist dabei von besonderer Bedeutung, dass die Behandlung landeskundlicher Aspekte sich nicht allein auf Deutschland beschränken darf, sondern alle deutschsprachigen Länder einbeziehen und berücksichtigen sollte.

Landeskunde als vielschichtiges Gebiet des Sprachunterrichts entzieht sich weitgehend Definitionen und Festlegungen. Dies zeigt sich u.a. für DaF in den vielfältigen Bezeichnungen (Landeskunde, Deutsche Landeskunde, Deutschlandkunde, Kulturkunde, Landes- und Kulturkunde, Deutschkunde, German Studies etc.), aber auch darin, dass es keinen wirklich schlüssigen Kanon landeskundlicher Inhalte gibt, der über ein mehr oder weniger oberflächliches Landesbild und ausgewählte Bereiche der Alltagskultur (als Gesprächsanlässe) hinausgeht. Es ist nicht möglich, Themen verbindlich auszuwählen und so zu behandeln, dass das ”richtige” Bild von Deutschland, Österreich, der Schweiz usw. vermittelt wird. Es kann und wird solche ”Bilder” nicht nur wegen der Vielfalt der Themen (Inhalte), sondern auch wegen der individuellen (und durchaus auch zeitgebundenen) Interpretierbarkeit eines jeden über reale, unveränderliche Fakten hinausgehenden Themas nicht geben. Es kann nur angestrebt werden, landeskundliche Inhalte im Rahmen des Sprachunterrichts so zu vermitteln, dass ihre Bedeutung und ihre Zusammenhänge für das ‘Gebilde‘ und innerhalb des ‘Gebildes‘ Deutschland (Österreich, Schweiz usw.) im Zusammenspiel mit anderen Kulturen sichtbar werden. Nur so ist vielleicht gegenseitiges Verstehen/Verständnis und Abbau von Vorurteilen zu erreichen.

Die zu vermittelnde Vielfalt der realen Gegebenheiten (Land, Geografie, Wirtschaft, Institutionen, Politik, Menschen und ihr Verhalten – Sitten, Gebräuche, Mentalität usw.) und der Kultur (Geschichte, alle Bereiche der Kunst und Wissenschaft usw.) lässt sich nicht in ein starres Schema pressen und isoliert von Sprache und Sprachträgern (Texten, Bildern, Filmen/Videos etc.) ‘unterrichten‘, weder in Unterrichtseinheiten, die vom Sprachunterricht losgelöst sind noch als eigenes Fach getrennt vom Sprachunterricht.

Methoden der Landeskunde

Es wurde und wird versucht, Landeskunde mit verschiedenen Ansätzen zu vermitteln. Einmal war und ist dies der kognitive Ansatz, der versucht(e), in vielen Schritten Sachkenntnisse über Geografie, Staat, Geschichte und Politik, Kultur, Gesellschaft usw. zu vermitteln. Ein solcher Ansatz vermittelt Sachkenntnisse, bietet Möglichkeiten zur Darstellung und Beschreibung von Tatsachen, aber kaum Anlässe zu Gesprächen und Diskussionen.

Dem kommunikativen Ansatz kommt es hauptsächlich darauf an, die Fähigkeit zum Gespräch über alltägliche Situationen (‘Alltagskultur‘ als Kommunikationsauslöser) zu entwickeln. Dabei besteht die Gefahr, dass durch die Bevorzugung der ‘Alltagskultur‘ weite Bereiche der ‘Hochkultur‘ außer Acht gelassen werden, die aber für das Verstehen und das Verständnis von gegenwärtigen Ereignissen, Äußerungen und Verhalten der Menschen und damit auch dem Abbau von Vorurteilen unabdingbar sind.

Derzeit herrscht weitgehend der interkulturelle Ansatz (auch als interkulturell-kommunikativ bezeichnet) vor, dem es um kulturbezogenes Fremdsprachenlernen geht, das über exemplarische Themen (zumeist durch den Vergleich) das Verstehen der eigenen und der fremden Kultur fördert. Fähigkeiten zur Wahrnehmung und Empathie (Bereitschaft und Fähigkeit, sich in die Einstellungen anderer Menschen einzufühlen) sowie Strategien zum Umgang mit fremden Gesellschaften und Kulturen sollen entwickelt werden. So könnten ethnozentrischen Sichtweisen und Vorurteile abgebaut werden, ohne jedoch das Erkennen des Fremden als Fremdes und des eigenen Wertes des Fremden auszuschließen. Eine Schwäche auch diesen Ansatzes scheint in der exemplarischen, oft problemorientierten Themenauswahl zu liegen, die einer mehr oder weniger subjektiven Bestimmung (z.B. LehrbuchautorInnen, Verlag/e, Kultusbehörden, Lehrende usw.) unterliegt.

Landeskunde im Unterricht

Jeder DaF-Unterricht ist zugleich Landeskundeunterricht, da in Themen, Texten und der Sprache (den Wörtern) landeskundliche ‘Informationen‘ enthalten sind. Sie beziehen sich sowohl auf Sachen/Fakten und deren Veränderungen – etwa durch die Vereinigung der beiden Teile Deutschlands

  • als auch auf die Kultur – ‘gehobene‘ Kultur wie ‘Alltagskultur‘ und die Menschen in ihrem Verhalten (oft als ‘Leutekunde‘ bezeichnet). Gerade in diesem Bereich gilt ein starkes Augenmerk dem Verhalten im sprachlichen (z.B. Begrüßungsformeln) wie nichtsprachlichen Bereich (z.B. räumliche Nähe, Gestik, Tabus).

Im Unterricht kann zu einem Stichwort/Thema durch Assoziation, Beobachten, Erleben und Vergleichen eine Bewusstmachung und ggf. auch eine Relativierung vorhandener positiver wie negativer Einstellungen erreicht werden.

Beispiel

Als Beispiel sei das Thema Frau/Rolle der Frau in der Gesellschaft angeführt, da in vielen, auch modernen Lehrwerken für DaF für diesen Bereich erhebliche Defizite feststellbar sind. Über ein Assoziogramm lassen sich Vorstellungen und Vorurteile erfassen, die mit den im Lehrwerk vorgegebenen Darstellungen verglichen und dann über Beobachtungen und Erfahrungen relativiert und (unter Beachtung ggf. herrschender Vorbehalte) mit dem Rollenbild im Herkunftsland der Lernenden verglichen werden können.

Selbstverständlich werden entsprechende Texte aus Tageszeitungen und der Literatur, vor allem der Frauenliteratur, sowie Bildmaterial in die Behandlung des Themas einzubeziehen sein. Am Ende könnten Vorschläge stehen, wie dieses Thema in den Lehrwerken für DaF behandelt werden könnte.

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Siehe auch

Assoziogramm

Weblinks

Bibliographie

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