Lehrwerkanalyse

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Die Analyse soll einerseits Lehrenden Hinweise für die Praxis (Auswahl, Verwendung) geben, andererseits die Entwicklung und Gestaltung von Lehrwerken durch die sich aus der Analyse ergebende Kritik beeinflussen. Sie ist auch als anregender Beitrag zur Sprachlehr- und Lernforschung zu sehen.

Gliederung der Lehrwerkanalyse

Lehrwerkanalyse vollzieht sich im allgemeinen in mehreren Schritten:

1. Beschreibung des Lehrwerks mit allen seinen Bestandteilen nach Zielgruppenbezug, Lernzielen, seines Aufbaus (auch der einzelnen Lektionen) usw.
2. Analyse von sachlichen und sprachlichen Inhalten unter
a. praxisbezogenen
b. sprachwissenschaftlichen und
c. pädagogischen wie lernpsychologischen u.a. Gesichtspunkten,
3. Analyse der didaktisch-methodischen Konzeption,
4. Erprobung im Unterricht, woraus sich
5. die zusammenfassende Bewertung ergibt.

Die einzelnen Schritte können auf Einzelheiten eingehen, wie etwa im folgenden Muster:

1. Beschreibung
Verfasser
Titel
Verlag, Erscheinungsjahr
Umfang (Bandzahl, Seiten pro Band)
Begleitmaterial (Art und Anzahl und ggf. Laufzeit: CDs usw.)
Lehrerhandbuch
Preis(e)
Layout, Qualität der einzelnen Teile

Zielgruppe
Lernziele
Stufe (Anfänger, Anfänger mit Vorkenntnissen, Fortgeschrittene usw.)
Voraussetzungen/Vorkenntnisse der Lernenden
Lernort (Inland/Ausland)
Kursdauer und durchschnittliche Stundenzahl pro Einheit/Lektion
Vorbereitung auf eine Prüfung
Anforderungen an Lehrende (besondere Vorkenntnisse z.B. Fachsprachenkenntnis; Planungsfähigkeit etc.)
Inhalt und Aufbau des Lehrmaterials insgesamt (Themen; Progression, Art der Progression: Grammatik Themen; Fertigkeiten: Lesen/Hören/Sprechen/Schreiben, Kommunikation, Kombination)
Transparenz (Aufbau klar zu erkennen, Kennzeichnung der Arbeitsaufträge/-anweisungen)
Inhalt und Aufbau/Gliederung der Lektionen (Einstieg, Schwergewicht, Gewichtung und Abfolge der einzelnen Fertigkeiten, Verhältnis Grammatik, Lexik usw.)

2a. Analyse von sachlichen und sprachlichen Inhalten unter praxisbezogenen Gesichtspunkten
Situationen, Texte und Sprache realistisch, konkret und authentisch
Lernerbezug (z.B. zielgruppenorientiert, aktives/handlungsorientiertes Lernen)
Arbeits-, Übungs-, Wiederholungs- und Aufgabenangebot (Art, Menge, Ausrichtung an Bedürfnissen der Zielgruppe)

2b. Analyse unter sprachwissenschaftlichen Gesichtspunkten
Authentizität, Adäquatheit, Zielgruppen- und Fertigkeitsorientiertheit von Textsorten, Grammatik (Morphologie, Syntax), Lexik.
Sprache: Allgemeinsprache, Fachsprache, Register

Lehrwerksanalyse beispiel1.jpg

2c. Analyse unter pädagogischen, lernpsychologischen Gesichtspunkten
Zielgruppenadäquat nach Alter, Herkunft, Vorkenntnissen, Lernwünschen und -zwecken
Anforderungsniveau und Zielgruppe
Art des Lernstoffes (aktuell, humorvoll, ernst, anregend usw.)
Berücksichtigung von vorausgegangenen Lernerfahrungen
Möglichkeit, eigene Erfahrungen, eigenes Wissen einzubringen
Motivation durch Inhalte, Gestaltung und Aufgabenstellungen, Förderung kreativen Arbeitens

3. Analyse der didaktisch-methodischen Konzeption
Beschreibung der Lernziele und deren Erkennbarkeit auch für Lernende
Themen, Texte zielgruppengerecht und -relevant
Textsortenvielfalt
Stellenwert der einzelnen Teile (Texte, Grammatik)
Einstieg in die Arbeit (einförmig, abwechslungsreich)
Übungs- und Aufgabenangebot (Art; vielfältig/einseitig; Bezug: isoliert/eingebettet) und Zuordnung
Arbeits- und Verstehenshilfen (Arten; zu selbstständigem Lernen anleitend, Wortlisten, Grammatikdarstellung)
Lösungshilfen/-schlüssel
Viusualisierung (Art, Ort, Funktion)
Methodeneinseitigkeit oder Methodenwechsel
Möglichkeiten zur Entwicklung der Fähigkeit zum Selbstlernen
Sozial- und Arbeitsformen, Möglichkeit produktiven Fähigkeiten
Kontrollmöglichkeiten für Fortschritt und Leistung (Eigen- und Fremdkontrolle)

4. Erprobung im Unterricht
Nur in sehr geringem Maß oder gar nicht wird die Erprobung eines Lehrwerks im Unterricht (einer oder mehreren Lerngruppen), die Befragung der Lernenden und der Lehrenden zu ihren Erfahrungen mit dem betreffenden Lehrwerk in die jeweilige Analyse einbezogen (werden können), sodass hier bedauerlicherweise wesentliche Daten unbeachtet bleiben.

Tabellarische Erfassung

Eine tabellarische Erfassung der wichtigsten Kriterien, die durch Bewertungskategorien (etwa: positiv, weniger positiv, schlecht oder ausreichend vorhanden, weniger ausreichend vorhanden, nicht vorhanden) ergänzt werden könnte, sei hier noch gezeigt:

1. Beschreibung
a. Bibliographische Angaben inkl. Medienverbund und Zusatzmaterial
b. Zielgruppe
c. Voraussetzungen
d. Lernziele
e. Sprachmaterialangebot (Grammatik, Lexik etc.)
f. Angestrebte Fertigkeiten
g. Sprachliche und soziale Kompetenzen
h. Zusätzliche Lernziele

2. Inhalte
a. Zielgruppenorientierung und -adäquatheit
b. Informationsgehalt und -wert
c. Motivationswert
d. Förderung sprachlicher und sozialer Kompetenzen
e. Visualisierung der Inhalte: nur illustrativ oder unterstützend

3. Sprache
a. Allgemein-/Fachsprache
b. Grammatik
c. Lexik
d. Syntax
e. Phonetik/Phonologie
f. Kommunikationswert
g. Planung des angebotenen Sprachmaterials
h. Einbezug komparativ/kontrastiver Elemente
i. Authentizität des Sprachmaterials
j. Zusammenhang Sprechsituationen/-handlungen/Sprache

4. Texte
a. Textsorten
b. Textsortenvielfalt
c. Verknüpfung von Sprachmaterial und Texten
d. Gebrauchswert der Textsorten
e. Textkonstitution als Unterrichtsgegenstand

5. Didaktik/Methodik
a. Lernzielorientierung
b. Erschließungs-/Verstehenshilfen für Sprachmaterial
c. Methodenangebot (Eintönigkeit/Vielfalt/Variabilität)
d. Differenzierungsmöglichkeiten nach Niveau, Leistung etc.
e. Angebot von Arbeits- und Sozialformen
f. Anregungen zur Eigentätigkeit der Lernenden
g. Möglichkeiten zur Fortschritts- und Erfolgskontrolle
h. Einbindung der Zusatzmaterialien
i. Wert der Zuatzmaterialien (auch Medien)
j. Einbindung von Informationen

6. Hilfen
a. Arbeitshilfen für Lernende
b. Menge und Qualität der Hilfen
c. Lehrhilfen (”Handreichungen”)
d. Menge und Qualität der Lehrhilfen

Reduziertes Raster

In der Praxis wird aus unterschiedlichsten Gründen jedoch meist ein wesentlich reduzierteres Analyseraster die Regel sein, das sich neben der Beschreibung des Lehrwerks konzentriert auf

  1. die Inhalte und Textsorten in ihrer Zielgruppenorientiertheit und Motivationsleistung,
  2. die vermittelte Sprache in ihrer kommunikativen rezeptiven und produktiven Relevanz für die Zielgruppe, ihre Didaktisierung und Operationaliserung,
  3. die Adressatengerechtheit und Lernzielorientierung des gesamten Lernstoffes mit Lern- und Übungshilfen vornehmlich in den Bereichen Grammatik, Lexik und den besonderen für die jeweilige Zielgruppe wichtigen Fertigkeiten und deren Ineinandergreifen,
  4. die methodische Abwechslung und die Differenzierungsmöglichkeiten.


Weblinks

Bibliographie

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Feldmeier, Alexia: Buchstabenprogression in der Alphabetisierung ausländischer Erwachsener, In:Deutsch als Zweitsprache, 2003,1, S.26-32.
Fink, Mathias C.: Das Deutschlandbild in dänischen Lehrwerken für den Deutschunterricht in der Folkeskole. In: Info DaF, 30,2003,5, S.476-488.
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Großmann, Simone: Die Textsorte „Spielanleitung“: eine textgrammatische Analyse unter besonderer Berücksichtigung von DaF-Lehrwerken. In: GFL – German as a foreign language, 2002,1, S.66-103.
Heine, Carola: Lehrwerk-Inflation für Wirtschaftsdeutsch. Worauf soll man setzen? In: Deutsch als Fremdsprache 36/1999/1, S. 44–49.
Jurasz, Alina: Bilder der Deutschen in ausgewählten Deutschlehrbüchern. In: Convivium. Germanistisches Jahrbuch Polen. Bonn, 2002, S. 343-355.
Kast Bernd / Neuner, Gerd (Hrsg.): Zur Analyse, Begutachtung und Entwicklung von Lehrwerken für den fremdsprachlichen Deutschunterricht. Berlin und München 1994.
Meijer, Dick / Jenkins, Eva-Maria: Landeskundliche Inhalte – die Qual der Wahl? Kriterienkatalog zur Beurteilung von Lehrwerken. In: Fremdsprache Deutsch 1998/1, S. 18–25.
Neuner, Stefanie: Die Qual der Wahl. Neue Lehrwerke für den Grundstufenunterricht bei deutschen Verlagen. In: Deutsch als Fremdsprache 35/1998/3, S. 172–178
Schmidt, Reiner: Lehrwerkanalyse. In: Henrici, Gert et al. (Hrsg.): Einführung in die Didaktik des Unterrichts Deutsch als Fremdsprache mit Videobeispielen. Band 2, Baltmannsweiler 1994, S. 397–418,