Lernerautonomie

Aus Wiki 99 Stichwörter
Wechseln zu: Navigation, Suche

Der Begriff der Lernerautonomie

Der Begriff der Lernerautonomie geht geschichtlich bereits auf die reformpädagogische Zeit der 1920er und 1930er Jahre zurück, wobei eine genauere Erforschung des Konzeptes in den 1960er und 1970er Jahren im Rahmen der Erwachsenenbildungsdebatte entstanden ist. Das zunächst als „pädagogische Alternative zur Unterrichtsgestaltung“ (Martinez 2008) dargestellte Konzept hat vor allem in den 1980er Jahren als Schwerpunkt didaktischer Überlegungen an Bedeutung gewonnen und markiert heute den Hauptbestandteil fachdidaktischer Konzeptionen. Eine eindeutige Begriffsdefinition ist dabei auf Grund der verschiedenen Auslegungen und Interpretationen des Konzeptes nur schwer möglich. Holec hat den Begriff der Lernerautonomie in der 1980er Jahren als „die Fähigkeit des Lerners, Verantwortung für seinen eigenen Fremdsprachenlernprozess zu übernehmen“ (Holec 1980) geprägt.

Ein deskriptiver Gebrauch des Begriffs basiert dabei auf dem konstruktivistischen Verständnis, dass Lernen ohne Autonomie nicht möglich und diese eine unabdingbare Voraussetzung für Informationsverarbeitungsprozesse sei. Ein normativer Gebrauch des Terminus orientiert sich jedoch an dem Fakt, dass lerntheoretische Ansätze des Konstruktivismus nicht allgemein akzeptiert und respektiert sind. Es wird hier also eine normative Dimension des Konzeptes der Lernerautonomie betont, welche Lehrenden und Lernenden die Aufgabe stellt, eine autonome Wissenskonstruktion des Einzelnen zu ermöglichen, zu erleichtern oder zu optimieren.


Begründungslinien von Lernerautonomie:

Eine Vielzahl an Begründungslinien der Lernerautonomie verweist dabei auf die Breitbandigkeit des Begriffes. Lienhard Legenhausen hat dabei folgende Ansätze für ein auf Autonomie basierendes Erziehungskonzept zusammengetragen:

  • Der Anthropologisch-entwicklungspsychologische Ansatz basiert auf dem Grundbedürfnis des Menschen nach Selbstbestimmung und –verwirklichung, welche die Grundlage für eine Lernmotivation bilden.
  • Der Lerntheoretisch-konstruktivistische Ansatz verweist auf die Konstruktion eigener Realitäten und Lebenswelten jedes Individuums. Lernen meint dabei die Verarbeitung neuer Erfahrungen und Einflüsse im Beziehungsgefüge zu bereits vorhandenen mentalen Wissensstrukturen, zu neuen ausgeglichenen mentalen Strukturen. Eine angereicherte Lernumgebung ist dabei bedeutend für die autonome und vielfältige Wirklichkeitskonstruktion der Lernenden.
  • Der Sprachtheoretisch-didaktische Ansatz knüpft an die spracherwerbstheoretische Hypothese des Natural Approach (Krashen & Terrell)an. Sprachlernprozesse verlaufen dabei nach den individuellen Voraussetzungen jedes Einzelnen, wobei ein hohes Maß an bedeutendem Input den Sprechprozess einleitet. Spracherwerb auf rezeptiver und produktiver Ebene erfolgt über einen natürlichen, unbewussten Weg, wobei die Lernenden autonom, eigenen Lern- und Mitteilungsbedürfnissen folgen.
  • Der sozialpolitische Ansatz markiert dabei die Bedeutung von Selbstbestimmung und die Partizipation eines jeden innerhalb eines an Demokratie ausgerichteten gesellschaftspolitischen Systems.

Realisierung von Lernerautonomie:

Lernende sollen Verantwortung für eigene Lernprozesse übernehmen, Inhalte selbstständig herleiten und den Wissenserwerb selbstbestimmt Steuern und Organisieren. Dabei geht es nicht um eine Isolation des Einzelnen, sondern mehr um den Wandel von neben- oder untergeordneten Rollenmustern „Lehrende-Lernende“, „Lernende-Lernende“ zu einer Interdependenz und einer wechselseitigen Abhängigkeit bzw. einem wechselseitigem Austausch derer. Die Lehrenden nehmen dabei eine Beraterfunktion als Lernbegleiter ein. Es liegt dabei vor allem in der Verantwortung der Lehrenden den Lernenden günstige Voraussetzungen für einen selbstbestimmten Lernprozess mitzugeben. Das Vermitteln methodischer Kompetenzen, der Erwerb von Lernstrategien und die Herausbildung eines Sprach-)Lernbewusstseins ('language-learning-awareness') bilden die Basis für autonomes Handeln. Beispielhaft könnten induktive Arbeitsmethoden beim Erwerb grammatikalischer Regeln sein (Induktion), die Wörternetzmethode für einen selbststrukturierten Wortschatzerwerb (Wörternetze) oder Autosemantisierungsverfahren für die Herleitung von Begriffsbedeutungen.

Quellen:

  • Bimmel,Peter; Rampillon, Ute (2000): Lernerautonomie und Lernstrategien. Berlin. München. Wien. Zürich. New York: Langenscheidt.
  • Decke-Cornill, Helene; Küster, Lutz (2010): Fremdsprachendidaktik. Eine Einführung. Tübingen: Gunter Narr Verlag.
  • Holec, Henri (1980): Autonomie et apprentissagedes langues etrangères. Strasbourg : Conseil de l’Europe.
  • Martinéz, Hélène (2008): Lernerautonomie und Sprachlernverständnis. Tübingen: Gunter Narr Verlag.
  • Schmenk, Barbara (2008): Lernerautonomie. Karriere und Sloganisierung des Autonomiebegriffs. Tübingen: Gunter Narr Verlag.