Lesen

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Lesen bedeutet nicht nur, geschriebene oder gedruckte grafische Zeichen (Schriftzeichen, Piktogramme) mit den Augen zu erfassen, sondern auch ihren Sinn zu verstehen und in Sprache umzusetzen. Kenntnis von Lautformen, Wortschatz und Grammatik sind dabei genauso notwendig wie ein allgemeines Vorwissen, das selbst bei nur unvollständiger Kenntnis und/oder Beherrschung eines Zeichensytems, das vom eigenen abweicht, die lesende Entschlüsselung von Teilen eines Textes, ggf. sogar des gesamten Textes möglich macht.

Lesen im Sprachunterricht wird gleichgesetzt mit Leseverstehen (auch: lesendes Verstehen, verstehendes Lesen), als Fähigkeit, Einzelinformationen aus einem Text zu entnehmen bzw. den gesamten Text als Informationsquelle zu erschließen.

Voraussetzungen

Im Unterricht DaF ist bei erwachsenen Lernenden im allgemeinen Lesefertigkeit vorhanden, sodass die verschiedenen Methoden des Erstlese-/Leselernunterrichts hier keine besondere Rolle spielen. In den Ausnahmefällen, in denen das für die deutsche Sprache notwendige lateinische Alphabet unbekannt ist, muss den Sprachunterricht eine Alphabetisierung begleiten, die Schreiben und Lesen umfasst. Dabei kann und sollten wo immer möglich muttersprachliche Vorkenntnisse der Lernenden in den Lernprozess einbezogen werden.

Bei kindlichen Lernenden, die neben dem muttersprachlichen Schreib- und Leselernunterricht noch Deutsch als Fremd- oder Zweitsprache erlernen (müssen), können diese Lernprozesse parallel verlaufen. Dies verlangt eine genaue Abstimmung der Lerninhalte von Mutter- und Fremdsprachenunterricht.

Lesehindernisse

Selbst dann, wenn in der Muttersprache der Lernenden die Fertigkeit Lesen vorhanden ist und beherrscht wird, ist nicht zu erwarten, dass deutschsprachige Texte ohne Weiteres lesend voll aufgenommen werden können. Neben fehlendem oder noch nicht ausreichend vorhandenem formalen Sprachmaterial (Lexik, Grammatik) sind es oft der kulturelle Hintergrund und damit verbunden ein anderes Vorwissen, andere Einstellungen und Erwartungshaltungen, die zu Missverständnissen oder gar zum Nichtverstehen eines Textes führen. Ein weiteres Hindernis bietet der Textaufbau, der vom gewohnten Bild in der Muttersprache mehr oder weniger stark abweichen kann.

Für den Unterricht hat dies mehrere Konsequenzen: Den Lernenden muss vermittelt werden, die formalen Hindernisse zu überwinden: einmal dadurch, dass sie darauf verzichten, jedes Wort lesen und verstehen zu wollen, zum anderen durch die Entwicklung der Fähigkeit des erratenden Erschließens aus dem Kontext, aber auch durch die Anwendung einer rezeptiven Grammatik, die morphologische und syntaktische Zusammenhänge klären und auflösen helfen kann.

Weiterhin sind abweichende Vorstellungen, die sich aus dem kulturellen Hintergrund der Lernenden und dem der Zielsprache ergeben, in Einklang zu bringen. Dies ist durch Vorentlastungen durch Lehrende oder eigene Recherche der Lernenden möglich. In beiden Fällen wird durch die Einbettung des jeweiligen Textes in einen bestimmten Rahmen ein neuer Erwartungshorizont aufgebaut, der das Lesen positiv beeinflusst. Dies um so mehr, wenn der Text den Interessen der Lernenden entgegenkommt. Dies sollte bei der Textauswahl bedacht werden. Bei der Arbeit mit vorgegebenen Texten (Lehrbücher und -werke) muss (leider) oft erst ein situativer Rahmen geschaffen werden, der das Leseinteresse der Lernenden weckt.

Der Textaufbau und seine Gliederung ist für das Lesen nutzbar zu machen. Von der Überschrift über Untertitel zu Kurztexten und Abschnitten kann ein Text lesend erschlossen werden, wobei Bilder, Zeichnungen usw. das Lesen unterstützen. Daher sollten Originaltexte auch auf die Gefahr hin, dass sie zu schwierig erscheinen, gar nicht oder so wenig wie möglich verändert (”adaptiert”) werden, da dabei häufig nützliche Lesehilfen verloren gehen.

Stilles und lautes Lesen

Lesen im Fremdsprachenunterricht spielt sich zumeist als stilles und lautes Lesen ab. Stilles Lesen dient unter Einsatz der verschiedenen Lesestile und Lesestrategien der Informationsentnahme entsprechend vorgegebener oder selbstbestimmter Leseintentionen. Lautes Lesen bedeutet die Umsetzung grafischer Zeichen über den artikulatorisch-motorischen Bereich in akustisch wahrnehmbare Zeichen. Das laute Lesen (Vorlesen) von Texten dient mehr der Information anderer als der Eigeninformation und wird, abgesehen von wenigen Fällen (z.B. Nachrichtensprecher), im außerunterrichtlichen Bereich weniger häufig praktiziert. Im Fremdsprachenunterricht dient es hauptsächlich der Schulung von Aussprache, Intonation und Prosodie, weniger der Informationsentnahme, da die Aufmerksamkeit beim lauten Lesen sich stärker auf die artikulatorischen denn auf die inhaltlich-informatorischen Aufgaben richtet. Jedem lauten Lesen sollte ein stilles, informatorisches Lesen vorausgehen, das eine inhaltsadäquate Artikulation und Intonation erleichtert.

Eine Überprüfung und Bewertung des Lesens muss zwischen lautem Lesen, der artikulatorischen Seite (Aussprache, Intonation und Prosodie) und dem stillen Lesen, der Informationsentnahme, dem Leseverstehen (lesenden Verstehen, verstehenden Lesen) getrennt erfolgen. Dabei sind bei der Überprüfung und Bewertung der Informationsentnahme die jeweiligen Lesestrategien für die Aufgabenstellung zu berücksichtigen.

Fachtexte und literarische Texte

Es muss hinzugefügt werden, dass im Fremdsprachenunterricht zwar weitgehend das Lesen zur mehr oder weniger interessengeleiteten Informationsentnahme aus Sach- und/oder Fachtexten, für letztere unter besonderer Berücksichtigung fachsprachlicher Inhalte und ausgewählter Sprachmittel in Fachsprachen-Lesekursen, unter Einsatz verschiedenartiger Lesestrategien durch entsprechende Übungen vorbereitet wird, dass aber dem Lesen literarischer Texte weniger Aufmerksamkeit gewidmet wird. Dessen andere, mehr auf individuelle persönliche Interpretation und auf ästhetischen Genuss abzielende Leseziele lassen sich nur schwer oder gar nicht mit den gängigen Lesestrategien und Übungsformen im üblichen Fremdsprachenunterricht erreichen. Für literarische Texte sind andere Vorgehensweisen notwendig.

Weblinks

Leseverstehen für DaF
Bildungsserver Berlin Brandenburg, Lesecurriculum
Landesbildungsserver Baden-Württemberg, Ideenpool Leseförderung
Stiftung Lesen
Lesen in Deutschland - Projekte und Initiativen zur Leseförderung

Bibliographie

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