Literatur

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Sehr verallgemeinernd ist Literatur die Bezeichnung – in Absetzung zum allgemeineren Begriff Text – für zusammenhängende Texte, deren Veröffentlichung beabsichtigt ist und deren Gebrauchswert nicht allein in einer unmittelbaren Mitteilungsfunktion liegt. Bis ins 18. Jahrhundert galten alle zweckgebundenen wissenschaftlichen, didaktischen und auch poetischen Texte mit rhetorischer Gestaltung als Literatur, dazu kam der allein auf Dichtung bezogene Begriff der Belletristik oder ”Schönen Literatur”, der mit bestimmten Merkmalen (zweckfrei, qualitativ hochrangig) verbunden wurde und auch heute noch verbunden wird. Gegenwärtig wird der Begriff Literatur in der Literaturwissenschaft erweitert und neutraler gesehen, so dass neben der Dichtung auch Trivialliteratur, Sach- und Fachtexte und Gebrauchstexte eingeschlossen sind.

Im Unterricht

Dies hat Konsequenzen nicht nur für den muttersprachlichen Literaturunterricht, sondern auch für den Fremdsprachenunterricht DaF, aus dem lange Zeit Literatur verbannt war, da sie mit verschiedenen methodischen Ansätzen (siehe Methoden des Fremdsprachenunterrichts) unvereinbar schien, u.a. wegen ihrer angeblich mangelnden Aktualität, ihres scheinbar geringen Werts für die Ausbildung kommunikativer Kompetenz in Alltagssituationen und -gesprächen und für den damit einhergehenden Bedarf an sogenannten authentischen Gesprächssequenzen. So lässt sich der Primat der gesprochenen Sprache und das Zurückdrängen der Literatur vielleicht erklären. Es mag aber wohl auch eine Unzufriedenheit mit der bis dahin üblichen Art der Behandlung von Literatur im Unterricht sowohl bei Lehrenden als auch Lernenden hinzugekommen sein. Der für die Literaturbehandlung aus dem muttersprachlichen Unterricht übernommene lehrerzentrierte Unterricht mit Fragen zum Text(inhalt), für den Fremdsprachenunterricht noch um lautes (Vor)Lesen, Wortschatz- und Grammatikarbeit erweitert, erlaubte kaum, einen literarischen Text in seiner Gesamtheit aufzunehmen und zu erleben. Er führte meist nur zur Inhaltswiedergabe, -zusammenfassung, Nacherzählung und durch (vorgegebene) Fragen gelenkte Interpretation. Erst Anfang der achtziger Jahre trat eine Rückbesinnung auf den Nutzen von literarischen Texten im Fremdsprachenunterricht ein.

Die Literaturwissenschaft

Auslöser waren Entwicklungen und Veränderungen in der Literaturwissenschaft: Literatursoziologie, die sich mit den Beziehungen von Literatur und Gesellschaft beschäftigt, Hermeneutik, die den Leser und seine Erfahrung und sein Wissen einbezieht, Rezeptionsforschung, die sich mit der Rezeption eines literarischen Textes durch den einzelnen Lesenden, den Bedingungen der Rezeption und der durch die Rezeption entstehenden individuellen Interpretation befasst. Hinzu kommen die unterschiedlichen Kritikansätze der Literaturinterpretation (z.B. der ästhetisch begründeten, der wissenschaftstheoretisch orientierten oder der erkenntnistheoretisch fundierten Kritik) sowie lernpsychologische und pädagogische Theorien. Daraus ergab sich für den Literaturunterricht, auch im Fremdsprachenunterricht, eine veränderte Rolle der Lernenden, die als entdeckende und selbstständig handelnde Lesende gesehen werden.

Besser als jeder auf das Alltägliche gerichtete Lehrbuchtext vermittelt Literatur das Handeln in kulturspeziellen Situationen. Lesende, d.h. Lernende, kommen zu einem besseren Verstehen der anderen (aber auch der eigenen) Kultur. Lernende werden zu aktiven Lesenden: Sie können ihre eigenen Erfahrungen einbringen und kommunikativ handeln sowie produktiv mit Literatur umgehen.

Lesekanon

Lyrik und Prosa der Gegenwart aus deutschsprachigen Ländern werden wieder in den Unterricht zurückgeholt und verwendet; u.a. auch Kinder- und Jugendliteratur, Literatur von Frauen für Frauen (oft als “Frauenliteratur” bezeichnet), Migrantenliteratur (als Quelle für die Sicht der zielsprachigen Kultur von “außen”) und Trivialliteratur. Allerdings muss kritisch angemerkt werden, dass sich die Auswahl der Autoren und Titel noch immer stark an den gängigen ”Leselisten” für Schulen und Universitäten in Deutschland ausrichtet; Österreich und die Schweiz sind im Grunde nur mit ihren fast schon klassisch zu nennenden modernen Autoren und wenigen Titeln vertreten, während z.B. die deutschsprachige Literatur Luxemburgs bedauerlicherweise keine Beachtung findet. Derartige Leselisten sind schon für den muttersprachlichen Unterricht recht fragwürdig, da sie durch ihren Querschnittcharakter einengen. Ihr Zweck, Literatur vorbereitend für irgendwelche Examina zu lesen oder bearbeiten zu müssen, stützen den Hang zum lehrerzentrierten Unterricht. Dies fördert die individuelle Leselust wenig. Erst recht sind solche Listen wenig sinnvoll für den Unterricht DaF, da hier in den seltensten Fällen (sieht man von einem Germanistikstudium ab) ein Querschnitt durch die literarischen Epochen erlesen und erarbeitet werden soll. Ein derartiger Kanon verhindert durchaus auch, dass aktuelle Literatur in den Unterricht hineingenommen wird. Dies mag natürlich auch daran liegen, dass für sie keine ”Handreichungen” vorliegen, die als Hilfe herangezogen werden können – ein Phänomen, das auch in der universitären literaturwissenschaftlichen Ausbildung festzustellen ist und das sich im schulischen und außerschulischen Bereich des Fremdsprachenunterrichts fortsetzt.

Zielgruppen

Auch eine Einteilung nach Literatur für Erwachsene, Literatur für Kinder und Jugendliche ist nicht immer sinnvoll. Gibt es doch manchen literarischen Text für Erwachsene, der von Problematik und Sprache her durchaus auch für jüngere Lernende interessant und anregend ist. Manches Stück Kinder- und Jugendliteratur birgt Inhalte, über die es sich für Erwachsene nachzudenken und zu sprechen lohnt und vermittelt Sprachmaterial, das für sie sehr nützlich sein kann.

Auswahl literarischer Texte

Die Auswahl literarischer Texte für den Unterricht nach Inhalt, Form und Schwierigkeitsgrad richtet sich nach der jeweiligen Zielgruppe: dem Alter, den Vorkenntnissen und Kenntnissen, den Bedürfnissen und Interessen der Lernenden und auch ihrer Lebenserfahrung. Der Schwierigkeitsgrad wird durch die literarische Form bestimmt: so sind Kurzgeschichten mit klarer Struktur als leichter anzusehen als Romane mit einer fiktiven und vielschichtigen Handlung. Auch die verwendete Sprache spielt eine entscheidende Rolle: überwiegt der Gebrauch der Allgemeinsprache (etwa in Kriminalromanen – wobei hier noch konkrete Handlungen und die Spannung als lesemotivierend hinzukommen), wird der Text als leicht empfunden, wohingegen Abweichungen von der Standardsprache in Wortschatz wie Grammatik und persönliche Stileigenheiten von Schriftstellern und -innen einen Text als schwierig erscheinen lassen. Oft werden derartige Probleme durch ”Adaption” (lernstufenbezogene Bearbeitung d.h. Textkürzung, -veränderung usw. und durch Erleichterung in Aufbau und Sprache) literarischer Texte beseitigt. Doch ob ein derart adaptierter Text noch den Intentionen der Autorin/des Autors und dem Anspruch der Lesenden entspricht, mag dahingestellt bleiben. Das Original ist sicher der Bearbeitung vorzuziehen, auch wenn nicht alles verstanden wird – was ja wohl auch nicht unbedingt notwendig ist.

Ziele der Arbeit mit Literatur

Ziele der Arbeit mit Literatur sind Vermittlung der deutschen Gegenwartssprache mit dem Erwerb von Sprachformen, die im Alltagsgebrauch seltener vorkommen werden (z.B. Konnotationen, Metaphern, Phraseologismen). Grammatik, Wortschatz und Stil werden in ihrer Anwendung erlesen, was zur Erweiterung kommunikativer Kompetenz beiträgt, die sich in sprachlichen Aktivitäten (Literatur als Sprechanlass: Meinungsäußerungen, Diskussionen, eigener “literarischer” Produktion usw.) niederschlägt. Auch indirekte Landeskunde, die Einblicke in das kulturelle Leben bietet, ist mit der Beschäftigung mit Literatur verbunden.

Für die Arbeit mit literarischen Texten wird sich eine Einleitung und Vorentlastung durch Gespräche erreichen lassen, z.B. über die Erwartungen an den Titel oder durch Wortfeldarbeit, auch durch Videofilm(e) und Hörbücher (ggf. in Ausschnitten) und eigenes Wissen der Lernenden über Autoren und deren Texte – vielleicht auch in Übersetzung usw.

Aktivitäten und Übungen

Ein Text, vor allem ein längerer, wird mit Unterbrechungen (größere Abschnitte, Handlungssequenzen, Kapitel) gelesen und diese Lesepausen genützt für Aktivitäten der Lernenden: Antizipationen, Hypothesen, Zuordnungen von Personen und Handlungen, Überblicke auch in Form von “Leselandkarten”, in der Personen, Zeiten, Orte, Geschehens- und Handlungsabläufe usw. einander zugeordnet werden. Solche Übersichten geben oft Anlass zur Diskussion über Motive und Absichten der beschriebenen Personen, aber auch über die von Autor/Autorin, Beschäftigung mit Orten, was zu individuellen Interpretationen einzelner Teile sowie des ganzen Textes durch die Lernenden führt. Gespräche über Paralleltexte der deutschen oder der ausgangssprachlichen Literatur können sich anschließen.

Literatur sollte keinesfalls zum Steinbruch für formalistische Übungen zu Grammatik und Wortschatz werden, sondern zur Anregung eigener mündlicher und schriftlicher Produktion. Dies lässt sich erreichen durch das Aufsuchen bestimmter Ausdrucksmittel (z.B. Passivgebrauch, Phraseologismen), durch Aufgaben, die verlangen, für einen Text (Prosa oder Lyrik), dessen Ende weggelassen wird, ein eigenes Ende zu schreiben (mit späterem Vergleich des originalen Endes). Auch die Aufgabe, einen Text in einen Bericht, eine Spielszene oder ein Theaterstück umzuschreiben, die dann auch aufgeführt werden, sind dazu geeignet. Eigene Textproduktion zum Thema ist denkbar, gerade die durch die Lektüre angeregte Tätigkeit kreativen Schreibens ist reizvoll und zeitigt überraschende Ergebnisse. Auch wenn für Lernende (und wohl auch Lehrende) ein solcher Umgang mit Literatur neu sein sollte, wird er doch bald ihr Interesse wecken und ihre aktive Mitarbeit erreichen, zumal sie eigenes Erleben und erworbene Sprachkenntnisse kreativ, produktiv und kommunikativ miteinander verbinden können.


Siehe auch

Lesen, Text, Textarbeit, Textproduktion, Textsorten


Weblinks

Bibliographie

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