Projektunterricht

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Im Projektunterricht bearbeiten Lernende selbstständig, kooperativ und ggf. interdisziplinär ein Thema oder Problem, das sie gemeinsam mit Lehrenden ausgewählt haben. Dabei werden erworbene Kenntnisse aktiviert und erweitert, sie lernen Hilfsmittel einzusetzen und Ergebnisse in unterschiedlicher Form zu veröffentlichen.

Organisation

Projektunterricht ist eine (eigentlich schon historische) Unterrichtsform, die unter dem Prinzip des learning by doing Theorie und Praxis, Lernen und praktisches Tun verbindet. Sie bereitet auf das selbstständige lebenslange Lernen vor (Dewey; Kilpatrick).

Projektunterricht als methodisch offene Unterrichtsform schließt viele andere Unterrichtsformen (Frontal- oder Klassenunterricht, Einzel-, Partner- und Gruppenarbeit, Stillarbeit usw.) ein.

Besonderer Schwerpunkt der Projektarbeit im Sprachunterricht ist es, dass bisher erworbenes Sprachmaterial kommunikativ, entdeckend und erfahrend frei und realitätsbezogen angewendet und erweitert wird. Dies kann sowohl innerhalb als auch außerhalb des jeweiligen Lernortes (Schule, Kurs) erfolgen. Die bei dieser Arbeit gesammelten positiven Erfahrungen und die Einblicke in das Funktionieren von Sprache in konkreten Situationen motivieren die Lernenden nicht unerheblich.

Unterrichtsformen

Sehr häufig werden als Argumente gegen Projektunterricht vorgebracht der Zwang der Lehrpläne und die damit vorgeschriebene Rolle der Lehrenden, zu große Lerngruppen und mangelnde Selbstständigkeit der Lernenden. Diese Argumente lassen sich leicht widerlegen. Schon im Anfängerunterricht kann Projektunterricht sinnvoll in kleinen Schritten in den Lehrplan von Zeit zu Zeit – also nicht ständig – dort integriert werden, wo situatives Allgemeinwissen vorhanden, dessen Versprachlichung in der Zielsprache aber zu erlernen ist (z.B. Begrüßungsgespräch, Telefongespräch, Essen im Restaurant). Die notwendige Partner- und Gruppenarbeit fördert die Selbstständigkeit des Arbeitens und verringert auch das Problem zu großer Lerngruppen. Vor allem aber müssen Lehrende ihre veränderte Rolle akzeptieren: sie sind nicht mehr Leitende, sondern begleitende, koordinierende Beratende in einem lernerorientierten Unterricht.

Handlungsabläufe

Die Arbeitsverteilung und die Handlungsabläufe lassen sich folgendermaßen darstellen:

Lernende/Lehrende
gemeinsam
Lernende Lehrende
Themenfindung,
-wahl
Problembezug, pragmatische Fragestellung

Zielsetzung
  Sicherung der Übereinstimmung mit Lehr- und Unterrichtsplan
Aufgabenstellung Formulierung der Aufgabe Beschaffenheit und Geschlossenheit der Aufgabe, Bewältigung der Unteraufgaben von allen in gleicher Zeit sicherstellen
  Planung
Vorbereitungsgruppen: Sammlung von Teilaspekten, Zuordnung zu Einzelgruppen
Achten auf Gruppenzusammensetzung
Unterstützung bei Sammlung und Zuordnung
  Ausführung
Arbeitsgruppenbildung nach Interessenschwerpunkten
Gruppenzusammensetzung, Kontakte zwischen den Gruppen fördern
  Sammlung von Material Hinweise geben auf Quellen und Hilfsmittel
Auswertung,
Zusammenführung
  Ergänzungen
Beurteilung der Ergebnisse    
Veröffentlichung Entscheidung treffen über Art und Weise Hilfen

Projektunterricht fordert und fördert rezeptive und produktive Fähigkeiten und Arbeitsformen. Da oft nicht alle auftretenden Sprach- und Inhaltselemente bekannt sind und es somit notwendig ist, sie aus dem Kontext zu erschließen, werden besonders kursorisches lesendes und hörendes Verstehen entwickelt. Freies Sprechen findet ständig statt (Vorbereitung und Diskussion der Arbeit, Materialsammlung, Zusammenfassungen, Berichte, Kurzreferate, ggf. Rollenspielen und Simulationen). Freies Schreiben ist vielfach notwendig: angefangen von Notizen, kurzen Zusammenfassungen bis hin zu Ergebnisberichten und schließlich der Ergebnisdarstellung (in Wort, Ton und ggf. auch Bild).

Aufgabenstellungen

Anfänger können auf Projektunterricht vorbereitet werden durch offene Aufgabenstellungen, die gemeinsam zu lösen sind. So kann z.B. Satzbildung geübt werden mit offenen Sätzen, die selbstständig und unter Bezug auf eigenes Tun und Erleben zu ergänzen sind, statt dass sie mit vorgegebenen Satzgliedern vollendet werden müssen, mit denen die Lernenden nichts von sich aussagen können, da sie in keinem Bezug zu ihnen stehen – also etwa besser: Was machst du/machen Sie? Am Sonntag ... usw. statt: Ergänze/ergänzen Sie mit den (kursiven) Wörtern: Ich gehe am Sonntag ... (ansehen, Freund, Autorennen)). Offene Sätze lassen sich sehr leicht zu kleinen Berichten verknüpfen und ausweiten. Auch für Briefe gilt Ähnliches. Sie sollten nicht nach vorgegebenen Stichwörtern, sondern zu gemeinsam festgelegter Thematik oder zu einer Situation frei geschrieben werden (z.B. Wir stellen unsere Gruppe vor). Kurze Interviews von Mitlernenden (Name, Vorname, Herkunftsort, -land, Grund für die Teilnahme am Sprachkurs usw.) können erweitert werden zur Befragung von Mitlernenden und Außenstehenden zu ihren Gewohnheiten (z.B. Essen, Freizeit, Lesen). Weitere Möglichkeiten sind Spiele, Rollenspiele, die die Außenwelt einbeziehen (Einkaufsgänge, Berufs- und/oder Tätigkeitsbeschreibungen), die Anfertigung eines kleinen Theaterstücks (z.B. aus Teilen des Lehrbuchs, einem gemeinsamen Erlebnis, einer Zeitungsmeldung). Es bietet sich ferner an, wichtige (Tages-)Ereignisse in Poster, Wandzeitungen usw. umzusetzen. Gruppenunternehmungen können als Tagebuch oder Zeitung wiedergeben werden. Briefkontakte mit imaginären oder realen Gruppen im Zielsprachenland können Anlass zu Korrespondenz sein. Hier kann durchaus an die Möglichkeit zur Gestaltung eines Tonbriefes, sei es als Feature oder Reportage, gedacht werden. Auch über ein ”Foto- und Textbuch” oder eine auf Video aufgenommenen ”Tagesschau” können Lernende sich und ihr Umfeld präsentieren und so gleichzeitig auch landeskundliche Informationen mitliefern.

Projektunterricht für Lehrende

Projektunterricht als Projektarbeit ist auch in der Aus-, Weiter- und -fortbildung von Lehrenden sinnvoll. Sie sollten (learning by doing!) selbst einmal Projekte bearbeiten, (z.B. Arbeit mit Sachtexten, Schreibunterricht, Grammatikpräsentation, Erstellung von Einzel- und Gesamtunterrichtseinheiten für bestimmte Lernergruppen, ausgewählte Themen der Landeskunde usw.). Auf diese Weise werden Lehrende mit den Prinzipien dieser Unterrichtsform, ihren Vorteilen aber auch Schwierigkeiten vertraut.

Weblinks

Bibliographie

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Keller, Annnette: „Machts nichts, wir haben viel gelernt!“ Die Zukunft Europas – ein Multimedia-Projekt. In: Fremdsprache Deutsch, 2003,28, S.22-25.
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Lazarou, Elisabeth: Projektorientierter Deutschunterricht ”Denk-Mal”. Ein Trichter zeigt, wie man’s macht. In: Fremdsprache Deutsch 1/1998, S. 38–41.
Lehker, Marianne: Projektarbeit im DaF-Unterricht. In: Info DaF, 6,2003, S. 562-575.
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Wöll, Gerhard: Handeln, Lernen durch Erfahrung. Handlungsorientierung und Projektunterricht. Grundlagen der Schulpädagogik Bd. 23. Hohengehren 1998.