Rollenspiel

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Rollenspiel macht Handlungen und Verhaltensweisen bestimmter Personen oder der eigenen Person in bestimmten Situationen deutlich und vermittelt, wie man sich auf Verhalten und Argumentationsweisen der anderen Person(en) einstellen kann oder muss. Das auf persönlichen Erfahrungen beruhende Denken, Fühlen und Handeln von TeilnehmerInnen bleibt nicht ohne Auswirkungen auf das Rollenverhalten und seine möglichen Veränderungen.

Für den Sprachunterricht sind bestehende ideologische und auch therapeutische Probleme von Rollentheorie, Rollenverhalten und Verhaltensveränderungen von geringerer Bedeutung und können unberücksichtigt bleiben.

Diese Arbeitsform darf für den Sprachunterricht nicht gleichgesetzt werden mit (was leider häufig wegen des Terminus Rolle geschieht) szenischem Spiel und Simulation, auch wenn in diesen beiden Arbeitsformen von den Lernenden Rollen zu übernehmen sind. Im szenischen Spiel überwiegt die reproduktive bzw. reproduktiv-produktive Darstellung eines vorgegebenen Handlungs- und Sprachmusters oder dessen freie dramatisierende Gestaltung, in der Simulation die Entscheidungsfindung in einer problematischen Situation auf Grund von Faktenanalyse und -diskussion.

Ziel des Rollenspiels im Sprachunterricht ist ganz allgemein die Anwendung der Sprache im sprachlichen Verhalten bestimmter Personen in bestimmten Situationen nach allgemeinen Vorgaben oder in freier Gestaltung. Durch dieses Sprachverhalten wird auf die Wirklichkeit vorbereitet und die notwendige Gesprächs-, Interaktionsfähigkeit und Kommunikationstechniken werden entwickelt. Erfahrung und Sprachwissen, die sowohl gesteuert als auch ungesteuert erworben wurden, sind Bestandteile dieser Arbeitsform.

Zu ihnen gehören auch kulturelle und biografische Einflüsse, die es nichtdeutschen Lernenden keineswegs immer leicht machen, so zu handeln wie ein(e) Deutsche(r) bzw. Handlungen und Verhalten muttersprachlicher SprecherInnen nachzuvollziehen oder richtig zu deuten.

Im Rollenspiel machen Lernende die Erfahrung, dass der Erwerb einer Sprache nicht nur Lernen von sprachlichen Phänomenen darstellt, sondern dass Sprache ein Kommunikationsmittel und Instrument zur Durchsetzung von Interessen ist. Sie merken zudem, dass durch diese Arbeitsform durchaus Sprechhemmungen abgebaut, die Ausdrucksfähigkeit verbessert und die sprachliche Flexibilität erhöht werden und obendrein Lernen Freude machen kann durch fantasievolle Gestaltung der Rollen.

Rollenspiele erlauben im Unterricht in der Einstiegsphase die Vorbereitung eines Themas (Hypothesen, Einführung von Lexik), in der Erarbeitungsphase die Übung und Festigung von sprachlichen Einheiten und in der Anwendungsphase den Transfer und die freie Anwendung.

Der Rollenspielablauf lässt sich folgendermaßen darstellen:

Informationsphase: Thema und Ziel benennen, ggf. Rollenkarten mit kurzer Darstellung der Rollen verteilen, Rollen besetzen
Vorbereitungsphase: Lesen der Rollenkarten, Argumente für das Rollenspiel sammeln, Spielfeld aufbauen
Rollenspielphase: Rollenspiel; Beobachtung durch nicht beteiligte Lernende
Diskussionsphase: allgemeine Diskussion der Argumente der Rollenspieler, nicht Kritik an Personen
Ergebnisphase: Diskussionsergebnis(se) (einen oder mehrere Vorschläge für Argumentation) werden festgehalten
Transferphase: Ergebnisse werden auf analoge Handlungen übertragen und dort angewandt

Gegenstand eines Rollenspiels können Alltagssituationen sein (Gast – Hotelier – Reklamation; Kunde – Verkäufer – Umtausch) oder Eigenerfahrungen (Kind – Eltern – Verweigerung eines Wunsches; Autoverkäufer – Kunde – Überreden zum Kauf eines bestimmten Autotyps) oder Fantasiesituationen (Marswesen – Weltraumreisender – Überzeugen von gegenseitiger Harmlosigkeit) usw. Beim Finden entsprechender Situationen ist der Fantasie von Lehrenden und Lernenden keine Grenze gesetzt.

Anfänglich sollten Rollenspiele als Paarspiele, erst später als Gruppenspiele durchgeführt werden. Vor allem in der Anfangsphase (Gewöhnungsphase) sollte die Spieldauer kurz sein, damit keine Langeweile aufkommt. Folgeaufgaben müssen immer vorhanden sein, falls ein Rollenspiel schneller beendet wird als erwartet.

Die im Unterricht übliche Fehlerkorrektur darf keinesfalls den Verlauf eines Rollenspiels unterbrechen – auch wenn TeilnehmerInnen darum bitten, sie während des Spiels zu korrigieren. Der/die beobachtende Lehrende sollte nur gravierende Fehlleistungen sammeln. Sie werden nach dem Spiel ohne Bezug zu betroffenen Lernenden gemeinsam mit der Gruppe richtig gestellt. Ggf. müssen kurze Erklärungs- und Übungssequenzen eingefügt werden, damit in weiteren Rollenspielen die festigende Anwendung der behandelten Phänomene möglich ist.

Gegen das Rollenspiel vorgebrachte Einwände (von Lehrenden) sind u.a., dass dies mit den betreffenden Lernenden nicht machbar sei, es entstünde nur Chaos, die SchülerInnen könnten/wollten sowieso nicht sprechen. Sie beruhen aber zum größten Teil auf einem falschen Konzept, ungenügender Planung von Rollenspielen und uneffektivem Verhalten gegenüber den Lernenden (mangelndes class management) sowie einer Fehleinschätzung der Lernenden bzw. der Behinderung des Wunsches zu sprechen durch die Dominanz der/des Lehrenden.

Argumente von Lernenden sind, sie hätten keine Fantasie, Angst, sich vor anderen zu produzieren oder viele Fehler zu machen. Sie lassen sich durch entsprechende Aufgaben, Hinweise auf die gemeinsame spielerische Erprobung des Gelernten und die Natürlichkeit und Notwendigkeit, Fehler zu machen, rasch widerlegen.

Weblinks

Theater im Fremdsprachenunterricht: http://ludolingua.de/spielen-im-unterricht/

Bibliographie

Bliesener, Thomas / Brons-Albert, Ruth (Hrsg.): Rollenspiele im Kommunikations- und Verhaltenstraining. Opladen, Wiesbaden 1994.
Broich, Josef: Rollenspiel-Praxis. Vom Interaktionstraining und Sprachtraining bis zur fertigen Spielvorlage. Maternus 1999.
Karagaiannakis,Evangelia/Weiss, Anna Maria: “Ich hab’ ja auch gar nichts gegen Frau Braun. Ich finde sie eigentlich auch ganz hübsch!“ Möglichkeiten der Konfliktlösung im Rollenspiel. In: Deutsch als Zweitsprache, 2002,4, S. 28-35.
Reuter, Brigitte/Reuter, Ewals: Auswerten berufssprachlicher Interaktionskompetenz. Dargestellt am Beispiel des berufsvorbereiteden Wirtschaftsdeutschunterrichts. In: Aguado, Karin/Riemer, Claudia (Hrsg.): Wege und Ziele. Zur Theorie, Empirie und Praxis des Deutschen als Fremdsprache (und anderer Fremdsprachen). Frestschrift für Gert Henrici zum 60. Geburtstag. Baltmannsweiler, 2001, S. 403-417.