Schreibübung

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Bei Schreibübungen steht der schriftliche Gebrauch der Sprache im Vordergrund unterrichtlicher wie häuslicher Arbeit.

Diese Übungen haben sehr unterschiedliche Lernziele, die sich an Alter und Niveau der jeweiligen Lernergruppen orientieren.


Schreiben lernen (”Alphabetisierung”)

Schreibübungen können u.U. das lateinische Alphabet vermitteln. Dabei kann es sich durchaus um Ersterwerb der Schrift bei gleichzeitigem Erlernen der deutschen Sprache handeln. Es ist aber auch möglich, dass zusätzlich zum Erlernen der deutschen Sprache das lateinische Alphabet als Zweitschrift erworben werden muss.

Bei Schreibübungen für den Ersterwerb der Schrift werden die Buchstaben des Alphabets (evtl. zunächst Druckschrift, dann Schreibschrift) über motorische Übungen, Wortaufbau-, Zuordnungs- und Transferübungen in einem integrativen Schreib- und Leseverfahren eingeführt und geübt. Dies geschieht mit zunächst sehr einfachem und auf den Alltag und die Umgebung der Lernenden abgestimmten Sprachmaterial. Beim Schreibunterricht mit Kindern sollte der spielerische Aspekt nicht vernachlässigt werden. Visuelle Unterstützung (Zeichnungen, Bilder) erleichtert den Lernprozess.

Wird das lateinische Alphabet als Zweitschrift gelernt, kann die gesprochene und geschriebene Ausgangssprache durchaus zur Unterstützung hinzugezogen werden. Auf akustische und visuelle Begleitung sollte nicht verzichtet werden. Mit Grundwortschatz des Alltags kann die Verschriftlichung von situativen visuellen Sprechimpulsen erfolgen; Bildreihen werden erst mündlich, dann schriftlich wiedergegeben.


Orthografie, Grammatik, Lexik

Satz- oder Lückendiktate unterstützen in erster Linie die Aneignung korrekter Orthografie und ggf. Interpunktion. Sie können – vor allem im Anfängerunterricht – auch das Einprägen neuer lexikalischer Einheiten und grammatischer Formen unterstützen.

Beispiel für Orthografie

Schreibuebung bsp1.jpg

Als Beispiel für Lexik dient der folgende Text (zu: Hieber, Lernziel Deutsch, Grundstufe 1, Reihe 4)

Essen wir heute zusammen? Ich habe jetzt eine Besprechung, sie dauert
bis zehn. Dann gehe ich noch ins Büro; Herr Mertens kommt dorthin. Er
bleibt eineinhalb Stunden, also bis halb zwölf, dann habe ich wieder Zeit.

Beispiel für Grammatik (zu: Hieber, Lernziel Deutsch, Grundstufe 1, Reihe 12)

Ich habe in Göttingen gearbeitet.
Ich habe dort bei einer Familie gewohnt.
Sie haben alle immer mit mir deutsch gesprochen.
So habe ich viel gelernt.
Manchmal sind wir abends ausgegangen,
aber wir sind nie sehr lange in der Stadt geblieben,
denn wir sind immer sehr früh aufgestanden. ...

Die für Lexik und Grammatik angeführten Beispiele sind auch als Lückenübungen möglich, bei denen Vorgaben eingesetzt werden müssen: ”Setzen Sie die folgenden Wörter in der richtigen Form in die entsprechenden Lücken ein: Besprechung, bis, bleiben, Büro, dauern, eineinhalb, Zeit haben.” oder ”Setzen Sie die Perfektformen der folgenden Verben an der passenden Stelle ein: arbeiten, aufstehen, ausgehen, bleiben, lernen, sprechen, wohnen.”

Stichwortübungen

Eine weitere Übungsmöglichkeit ist die Vervollständigung von Texten oder die Texterstellung anhand von Stichwörtern.

Beispiel 1

Vervollständigen Sie den Wetterbericht – die Stichwörter helfen Ihnen dabei.

Allmählich verringert sich der hohe Luftdruck über Europa, dadurch wird das Wetter vor allem im Westen Deutschlands leicht veränderlich.
1. Rheinland – wechselnde Bewölkung 3. auch Norden – regnen
2. leicht – Niederschläge 4. Süden – heiter – wärmer

Beispiel 2

Aus den Stichwörtern ist ein Text (maximal fünf Sätze) zu verfassen, bei dem der Vergleich der beiden Firmen deutlich wird.

  Fa. Amos Fa. Soma
1. Produktion
2. Beschäftigte
3. Verkehrslage
4. Absatzmarkt
5. Umsatz
chemische Produkte
18 000
Eisenbahnanschluss
Inland und Ausland
80 Millionen
chemische Grundstoffe
6 000
nur Autobahn in der Nähe
Inland
20 Millionen

Gelenktes Schreiben

Textrekonstruktion, -wiedergabe und -zusammenfassung, Nacherzählung

Als gelenkte Aufgaben sind schriftliche Arbeiten auf der Grundlage von gehörten oder gelesenen Textvorlagen im Wesentlichen inhaltlich und formal nicht vom Lernenden bestimmt. Lernziele sind:

  1. möglichst vollständige Wiedergabe des Inhalts,
  2. formale Korrektheit und adäquate Ausdrucksfähigkeit sowie
  3. der Umgang mit unterschiedlichen Textsorten(mustern).

Textrekonstruktion anhand eines Wort- oder Satz-/Textgerüstes, ggf. auch bild-/grafik-, fragengestützt, Textwiedergabe/-zusammenfassung und Nacherzählung sind nur notwendige Vorstufen eigenständigen kreativen und kommunikativen Schreibens.

Textgerüst

Beispiel
Vorgegeben ist ein Text mit einer Grafik zum Thema Mensch und Klima:
Industrielles Zeitalter – zivilisatorischer Fortschritt und Umweltverschmutzung. Dazu werden dann in Anlehnung an den Textinhalt und -aufbau Fragen mit Lösungshilfen gestellt, wodurch der Text rekonstruiert werden kann.

Fragen: Lösungshilfen
1. In welchem Zeitalter leben wir?
usw.
vgl. Textüberschrift
8. Welche Aufgabe ergibt sich angesichts der Klimaveränderungen?
usw.
vgl. Text: Zeilen 11 und 12

(aus: Kirchoff, Gerhard: Fertigkeit Schreiben. Lehr- und Übungsheft zur Förderung schriftlicher Äußerungen im Sprachunterricht für Fortgeschrittene. Teil 1, Ismaning 1976, S. 11)

Textwiedergabe, -zusammenfassung

Beispiel 1
Sie hören einen Ausschnitt aus einem Repetitorium in Strafrecht.
Fassen Sie das Gehörte in fünf Punkten zusammen:

  1. Behandelter Begriff
  2. Erklärung
  3. Beispiele für Ausschließungen
  4. Hinweise auf neuere Möglichkeiten
  5. Besonderer Hinweis

Beispiel 2
Für einen kurzen Text werden hier zwei Möglichkeiten (A und B) gezeigt, wie die Wiedergabe gesteuert werden kann.

A. B.  
Gib den kurzen Text wieder,
den du gehört hast.
Was ist passiert?
Die Satzanfänge sollen dir
dabei gefallen
Freiburg
  Auto auf der Straße
Ein Auto ...    
Zwei Männer ... zwei Männer Alarmanlage
Die Alarmanlage ... ausschalten  
Die Straße ...    
Der Motor ...
usw.
Straße steil  
  Motor nicht anlassen
dann starten wollen
nicht anspringen
Motor - Reparatur
rollen lassen

Für die Wiedergabe oder Zusammenfassung von Texten ist die Einübung in das Mitschreiben und in Notiztechniken wichtige Voraussetzung.

Zunächst muss über längere Zeit die Fähigkeit geschult werden, die wichtigsten Informationen zu erfassen, sie als Schlüsselwörter festzuhalten und dann daraus den Text zu rekonstruieren. Bei diesen Übungen ist auf steigende Progression im inhaltlichen und sprachlichen Schwierigkeitsgrad der Texte, ihres Umfangs und des Sprechtempos zu achten.

Weiterhin sind Hinweise darauf zu geben, wie (individuell) Abkürzungen (z.B. Frgn. für Fragen) oder Zeichen (+ für und, >/< für mehr/weniger oder Komparationsformen) verwendet werden können. Die Auflösung derartig ”verschlüsselter” Texte kann als Anregung für die Lernenden dienen:

Rekonstruieren Sie anhand der Notizen den zugrunde liegenden Bericht.

Entschdg. Firmenltg.: Werk in XY schließen
Belegschft. + Betrbsrt. + Politiker daggn.
halten Schlßg. unbegründ.
wirtschftl. Lage Untern.: + nicht –
letzte Zeit Umsätze > ca. 60–80%
Apell sozial. Verantwrtg. Unternhmr.
OB ”Katastrophe f.d. Stdt”
Min.-Präs: Hilfe mögl. Ld. + Bund ...

Freies, kreatives Schreiben

Das völlig eigenständige Schreiben manifestiert sich in allen Schreibaufgaben, die individuell in Inhalt und Form gestaltet werden können (z.B. Mitteilungen, Briefe, Berichte, Aufsätze, Erzählungen, Märchen, lyrische und poetische Texte usw.). Aufgabe des Sprachunterrichts ist es, die für die einzelnen Textsorten adäquaten Sprach- und Stilmittel und Arbeitstechniken im Rahmen der für die betreffende Lerngruppe festgelegten Lernziele zu vermitteln.

Im Unterricht müssen meist auch noch die Phasen des Schreibprozesses vermittelt werden:

  1. Themenwahl und -formulierung
    dabei spielen eine Rolle
    a. der/die Adressat/in/en
    b. der mitzuteilende Inhalt
    wobei hier zu überlegen ist,
    - 1. welches Interesse für das Thema besteht,
    - 2. welche Kenntnisse/Vorinformationen vorhanden sein könnten,
    - 3. was ggf. mit dem Text erreicht werden soll.
    c. die Textsorte
  2. Vorbereitende Materialsammlung
    a. Sammlung von Fakten, Details und Anregungen (Assoziogramm/Brainstorming)
    b. Wortschatz und Redemittel
  3. Gliederung
    a. des Materials unter logischen Gesichtspunkten
    b. ggf. erste Ausformulierungen
  4. Entwurf
  5. Korrektur(en) unter Rückkopplung auf Materialsammlung und Gliederung, ggf. neuer Entwurf
  6. Endfassung

Eine besondere Schwierigkeit stellt meist die Gliederung dar. Hier helfen Aufgaben, bei denen z.B. in vorgegebene Texte Überschriften eingefügt werden müssen. Eine weitere, jedoch schon schwierigere Übung ist die Rekonstruktion von Texten, die in Einzelabsätze oder gar in Einzelsätze zerlegt sind. Auch das Schreiben eines Paralleltextes zu einem vorhandenen Text ist eine empfehlenswerte Übung.

Das persönliche und von aller Lenkung freie Schreiben gibt Lernenden die Möglichkeit, in der Fremdsprache Deutsch ihre Gefühle, Gedanken und Wünsche etc. auszudrücken. Die dabei entstehenden Texte (Prosa, ggf. auch Lyrik) sind selbstverständlich keine Literatur, sondern spielerisches und motivierendes Arbeiten und Gestalten mit Sprache, die bewusst benutzt wird.

Es kann dabei von einer Textvorlage (Gedicht, Prosa) ausgegangen werden, damit zunächst bestehende Hemmungen oder Vorbehalte überwunden werden. Die Textvorlage kann dienen als Modell zur Erstellung eines Paralleltextes, zur Ergänzung des weggelassenen Endes oder einzelner Textstücke, was dann zur freien Gestaltung eines Themas führt. Dabei wird die zunächst gemeinsame Arbeit (Einfälle, Wörter, Sätze sammeln, ordnen und formulieren) sehr schnell die Freude an der individuellen Arbeit wecken.

Beispiel
Aufgabe 1: Wie würden Sie dieses Gedicht beenden?
Freude
Freude soll nimmer schweigen.
Freude soll offen sich zeigen.
Freude soll lachen, glänzen und singen.
Freude soll danken ein Leben lang.
Freude soll dir die Seele durchschauern.
Freude ...

Aufgabe 2: Ergänzen Sie den Text.
Freude
Freude soll nimmer schweigen.
Freude soll offen sich zeigen.
Freude soll ...
Freude soll ...
Freude soll ...
Freude soll ...
Freude soll ...
Ein Leben lang.

Aufgabe 3: Schreiben Sie jetzt einen Text (Gedicht/Prosa) zum Thema Freude

Aufgabe 4: Schreiben Sie nun einen Text (Gedicht/Prosa), in dem Sie das Wort Freude austauschen gegen eines der Worte Trauer/ Schmerz.

Als Anregung und Vorlage diente das Gedicht Freude von Joachim Ringelnatz (aus: Auf einmal steht es neben dir. Gesammelte Gedichte, Berlin 1959, S. 211):

Freude soll nimmer schweigen.
Freude soll offen sich zeigen.
Freude soll lachen, glänzen und singen.
Freude soll danken ein Leben lang.
Freude soll dir die Seele durchschauern.
Freude soll weiterschwingen.
Freude soll dauern
Ein Leben lang

Weblinks

Bibliographie

Arendt, Manfred: Kreatives Schreiben. Realschüler verfassen Gedichte. In: Der fremdsprachliche Unterricht – Englisch 27/1993/10, S. 41–43.
Bliesener, Ulrich: Übungen zum Schreiben. In: Bausch, Karl-Richard et al.: Handbuch Fremdsprachenunterricht. 3., überarbeitete und erweiterte Auflage, Tübingen und Basel 1995, S. 249–252.
Bohn, Rainer: Schreiben. In: Gert Henrici et al. (Hrsg.): Einführung in die Didaktik des Unterrichts Deutsch als Fremdsprache mit Videobeispielen, Band 1. Baltmannsweiler 1994, S. 103–127.
Börner, Wolfgang: Zum Erwerb von Textsortenkompetenz durch Schreiben. In: Jung, Udo O.H. (Hrsg.): Praktische Handreichungen für Fremdsprachenlehrer. (Bayreuther Beiträge zur Glottodidaktik 2), Lang, Frankfurt u.a. 1992, S. 297–309.
Brandt, Elke / Frohn, Bernd: Das Alpha-Buch. Ein Alphabetisierungskurs. Ismaning 1992.
Doyé, Peter: Typologie der Testaufgaben für den Unterricht Deutsch als Fremdsprache. Langenscheidt, München u.a. 1988. Fremdsprache Deutsch 1: Schreiben, Juni 1989.
Hedge, Tricia: Writing. (Resource Books for Teachers), Oxford University Press 1988.
Heid, Manfred (Hrsg.): Die Rolle des Schreibens im Unterricht Deutsch als Fremdsprache. Goethe-Institut, München 1989.
Kast, Bernd: Fertigkeit Schreiben. (Fernstudieneinheit 12), Langenscheidt, München u.a. 1998.
Kirchhoff, Gerhard: Fertigkeit Schreiben. Lehr- und Übungsheft zur Förderung schriftlicher Äußerungen im Sprachunterricht für Fortgeschrittene, Teil 1 und Teil 2. Ismaning 1976.
Köster, Diethard: Lernmaterial für Mediotheken. Beispiel Schreibfertigkeit. In: Zielsprache Deutsch, 25. Jg., Heft 4, 1994, S. 188–200.
Lieber, Maria / Posset, Jürgen: Texte schreiben im Germanistikstudium. (Studium DaF – Sprachdidaktik Bd. 7), München 1988.
Portmann, P.: Schreiben und Lernen. Grundlagen der fremdsprachlichen Schreibdidaktik. Tübingen 1991.
Praxis Deutsch 99: Schreiben: Erörtern. 1990.
Schüller, Birgitta: Kreatives Schreiben im Unterricht Deutsch als Fremdsprache. In: Info DaF 21, 6/1994, S. 673–680.
Volkmar, C. im Auftrag des Goethe-Instituts: Projekt Alphabet. Ein Vorkurs zum Anfangsunterricht Deutsch als Fremdsprache. Langenscheidt, München u.a. 1983.