Sozialformen des Unterrichts

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Definition

Sozialformen „regeln die Beziehungsstruktur des Unterrichts“ (H. Meyer 1987, I, S. 136). Darunter versteht man das Verhältnis zwischen Lernenden und Lehrendem, aber auch das Verhältnis der Lernenden untereinander. Sozialformen haben eine äußere Seite: Diese wird bestimmt durch die räumlich-personale Gestaltung des Unterrichts, die zumeist vom Lehrer vorgegeben wird (z.B. Sitzordnung, Größe des Klassenraums). Die innere Seite der Sozialformen bezieht sich auf die Kommunikations- und Interaktionsstruktur des Unterrichts. Je nach Sozialform gibt es eine stärkere Schüler- oder Lehrerorientierung.

Bezugsgröße für die Definition einer Sozialform ist die Gesamtgruppe (in der Regel die Klasse). Dabei werden laut Hilbert Meyer vier Sozialformen unterschieden:

  • Klassenunterricht
  • Gruppenarbeit
  • Partnerarbeit
  • Einzelarbeit.

In der Didaktik herrschen unterschiedliche Ansichten, ob es darüber hinaus nicht noch weitere Formen oder Unterscheidungen gibt (z.B. Groß- und Kleingruppenunterricht, Team-Teaching, Kreisgespräch). Laut Ansicht von Hilbert Meyer und anderen jedoch lassen sich alle anderen (Misch-)Formen auf die vier oben genannten Sozialformen zurückführen.

Der Begriff Sozialform wurde als erstes von Wolfgang Schulz geprägt. In seinem Beitrag „Unterricht – Analyse und Planung“ von 1965 schreibt er: „Sozialformen des Unterrichts variieren das Verhältnis zwischen dem Lernen von etwas und dem Lernen mit anderen.“ (Wolfgang Schulz 1965, S. 32, zitiert nach: H. Meyer 1987, I, S. 136)

Klassenunterricht

Klassenunterricht, auch Unterricht im Plenum oder Frontalunterricht ist durch ein zentrales Unterrichtsgeschehen gekennzeichnet. Die Klasse wird gemeinsam und gleichzeitig unterrichtet. Je nach Form unterscheiden sich die Intensität der Lenkung durch die Lehrperson. So ermöglichen Unterrichtsgespräche eine lebendige Interaktion mit den Lernern weniger gesteuert als der klassische Lehrervortrag. Die Unterricht kann auch auf andere Personen, wie z.B. einen Schüler übertragen werden.

Die potentiellen Vor- und Nachteile ergeben sich aus der unterschiedlichen Ausgestaltung der Unterrichtssteuerung:

Vorteile

  • Die Vielfalt der Beiträge der Lerngruppe sind für alle erfahrbar.
  • Störungen können besser vermieden werden.
  • Die Diskussionskultur kann geübt werden.
  • Die Klassengemeinschaft wird gestärkt.
  • Die Lehrperson kann auf Feedback der Lerngruppe direkt eingehen und Missverständnisse klären.

Nachteile

  • Die Lerner rezipieren bereits aufbereitete Informationen, sodass das selbstorganisierte Lernen vernachlässigt wird.
  • Die Verschiedenheit der Lernertypen wird kaum beachtet.
  • Soziale Kompetenzen wie Verantwortungsübernahme, Teamfähigkeit und Konfliktmanagement werden kaum gefördert.
  • Gefahr, dass einzelne Lerner nicht am Unterricht partizipieren
  • Unterliegt dem Trugschluss, dass Lerninhalte gleichermaßen von allen Schülern rezipiert werden
  • Durch die Bindung an die Lehrperson ist der Unterricht wenig demokratisch.
  • Schwierigkeit, die Aufmerksamkeit einer Klasse durchgängig zu erhalten

Gruppenarbeit

Bearbeitung einer konkreten Aufgabe innerhalb einer Gruppe von drei bis acht Schülern. Die Ergebnisse der Arbeit werden so aufbereitet, dass sie nach der Gruppenphase den anderen Schülern präsentiert werden können. Somit besteht die Gruppenarbeit aus drei Phasen: Planung, Erarbeitung, Präsentation. Die Aufgabe wird vom Lehrer geplant und vorbereitet. Während der Gruppenarbeit hält sich dieser allerdings zurück und beschränkt sich auf Beobachtung, Beratung und Bewertung der Gruppenarbeit. Gruppen können themengleich oder themendifferenziert arbeiten.

Vorteile

  • Demokratiekompetenz wird gefördert durch Teamfähigkeit und kommunikative Kompetenz
  • Sozialkontakte werden geknüpft, welche für viele Schüler die Hauptmotivation zum Schulbesuch sind
  • Entlastung der Lehrkräfte
  • Schlüsselqualifikationen für Schullaufbahn und späteres berufliches Leben werden erworben
  • Höhere Effizienz des Lernens, da die Schüler sich intensiv mit der Aufgabe auseinandersetzen
  • Binnendifferenzierung, da die Schüler unterschiedlich schwierige Teilaufgaben übernehmen können

Mögliche Probleme

  • Gruppenarbeit ist erfolglos, wenn die Schüler sich dagegen wehren und nicht partizipieren.
  • Es kann zu Streit, Wut, Aggression kommen
  • Stundenlänge von 45 Minuten ist hinderlich, da der Gesamtprozess der Gruppenarbeit seine Zeit braucht
  • Schwierigkeit der Bewertung

Partnerarbeit

Selbstständige und kooperative Bewältigung einer Aufgabe durch zwei Schüler. Partner sind dabei die Tischnachbarn, miteinander befreundete oder vom Lehrer eingeteilte Schüler. Partnerarbeit findet meist in themen- und arbeitsgleicher Form statt. Sie kann als Mischform zwischen Gruppen- und Einzelarbeit gesehen werden.

Vorteile

  • Schnell und einfach zu organisieren
  • Schüler arbeiten aktiv und konzentriert an einer Aufgabe, können aber gleichzeitig interagieren und kommunizieren.
  • Alle Schüler sind in den Lernprozess eingebunden und werden integriert.
  • Schüler verlieren die Angst vor dem Vortrag, weil sie vorher die Ergebnisse mit dem Partner abgleichen konnten
  • Die Bildung von Sozialkontakten/Freundschaften wird gefördert.
  • Schüler können ungestört arbeiten ohne befürchten zu müssen, dass sie aufgerufen werden.

Mögliche Probleme

  • Einzelne Schüler finden keinen Partner, werden selten integriert (Außenseiterposition).
  • Aus Partnerarbeit werden schnell zwei Einzelarbeiten, wenn die Schüler nicht wirklich kooperieren.
  • Streit, Meinungsverschiedenheiten, Verweigerung der Kooperation miteinander

Einzelarbeit

Einzelarbeit, auch Stillarbeit genannt, findet in Eigenverantwortung des einzelnen Lerners statt. Der Lehrer steht dabei als Hilfe zur Verfügung.

Mögliche Vorteile

  • (Selbst-)überprüfung der Kompetenzen und Vergleichbarkeit der Leistungen
  • Schafft Ruhe
  • Individuelle Arbeitsweise wird unterstützt und Binnendifferenzierung ermöglicht
  • Konzentriertes Arbeiten wird trainiert
  • Die Lerner werden angeregt, ihren eigenen Lernstil zu finden.
  • Gute Eignung für die Arbeit mit den Neuen Medien
  • Lerner üben, Informationen selbstständig zu erschließen

Nachteile

  • Soziale Kompetenzen werden nicht gefördert.
  • In sehr leistungsdifferenzierten Lerngruppen sind Schüler zu unterschiedlichen Zeitpunkten fertig, sodass zusätzliche Aufgaben geplant werden müssen.
  • Die Durchführung ist bei fehlender Motivation des Lerners schwierig.

Literatur

  • Georg E. Becker: Unterricht planen. Handlungsorientierte Didaktik Teil I, Beltz (Basis Bibliothek Pädagogik), 2007.
  • Bundeszentrale für politische Bildung (Hg.): Methodentraining für den Politikunterricht II, Wochenschau Verlag, Bonn 2006.
  • Julia Drumm (Hg.): Methodische Elemente des Unterrichts: Sozialformen, Aktionsformen, Medien. Göttingen 2007.
  • Herbert Gudjons: Frontalunterricht – neu entdeckt. Integration in offene Unterrichtsformen, Bad Heilbrunn 2007, 2. Aufl. (Klinkhardt / Uni-Taschen-Bücher UTB).
  • Herbert Gudjons: Handbuch Gruppenunterricht, 2. überarbeitete Auflage, Beltz, Weinheim 2003.
  • Johannes Kreuzer: Kennzeichen der Sozialformen im Unterricht, Grin Verlag, 2008.
  • Hilbert Meyer, Unterrichtsmethoden, I: Theorieband, Cornelsen Scriptor, Frankfurt/M. 1987.
  • Hans-Eberhard Nuhn: Partnerarbeit als Sozialform des Unterrichts, Weinheim 1995.

Weblinks