Sprachlabor

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Sprachlehranlagen, oft auch Sprachlabor (vom engl.-amerik. language laboratory abgeleitet), bezeichnet einen besonderen Raum, dessen Arbeitsplätze mit Tonband- bzw. Kassettengeräten und Kopfhörer-Mikrofon-Kombination für jeden Lerner ausgestattet sind. Vom Lehrertisch aus werden die Programme zugespielt, die Arbeitsplätze zentral gesteuert und auch Anweisungen, Korrekturen etc. gegeben. Ergänzt werden die Anlagen in neuerer Zeit durch Video und PC.

Eine einfachere Form, meist in Klassenzimmer integriert, ist das Elektronische Klassenzimmer. Es besteht aus einem entsprechend ausgerüsteten Steuertisch für Lehrende und jeweils einer Kopfhörer-Mikrofon-Kombination an jedem Lernerplatz.

Die einfachere technische Einrichtung erlaubte es, zum Preis einer Sprachlehranlage mehrere Klassenräume mit einer solchen Anlage auszustatten, was die Einsatzeffektivität erhöhte, da sie stundenplanunabhängig war. Auch waren und sind derartige Anlagen auf Grund ihrer einfachen Technik bedienungsfreundlicher und weniger störanfällig als Sprachlehranlagen.

Inzwischen haben tragbare Geräte, Video und PC nicht nur die Sprachlehranlagen und das elektronische Klassenzimmer ergänzt, sondern auch weitgehend abgelöst.

Vorhandene Sprachlehranlagen, die nicht mehr für den Unterricht selbst genutzt werden, sollten als Möglichkeit zum Selbstlernen (evtl. nach Beratung, wo Arbeitsschwerpunkte zu setzen sind) bereitgestellt werden. Dafür muss aber das Übungsmaterial mit den dazugehörigen Texten in einer Audio-Bibliothek ausleihbar sein. Derartiges Arbeiten kann z.B. in Verbindung mit Einstufungstests sehr nützlich sein, wenn die Lernenden nach dem Test einen entsprechenden Auswertungsbogen mit Angabe von Übungen erhalten, die sie zur Beseitigung von Schwächen oder Lücken durchführen sollten und können.

Auch in der Weiterbildung von nicht muttersprachlichen DaF-Lehrenden kann die Arbeit in einer Sprachlehranlage durch ein individuell ausgewähltes Übungsangebot die Sprachkompetenz fördern.

Arbeit in einer Sprachlehranlage hat für Lernende eine Reihe von nicht zu unterschätzenden Vorteilen. Neben dem Kontakt mit authentischem Sprachmaterial sind besonders hervorzuheben die Möglichkeit zur völligen Konzentration auf die Sprache in einer nahezu ablenkungsfreien Atmosphäre und die Arbeit mit individueller Geschwindigkeit.

Die Übungsprogramme waren und sind auf Tonträger aufgezeichnet, enthalten Arbeitsanweisungen (Hören Sie, Wiederholen Sie, Antworten Sie etc.) und Lösungsbeispiele. Je nach der erwarteten Reaktion der Lernenden sind entsprechend lange Pausen einprogrammiert, in die hineingesprochen werden und die Schülerreaktion (auf einer Parallelspur) aufgezeichnet werden kann. Die meisten Übungen sind vierphasig aufgebaut: 1. Aufgabe (Stimulus), 2. Lernerlösung (Response), 3. Richtige Lösung zur Korrektur (Reinforcement) und 4. Wiederholung der richtigen Lösung (Repetition):

Programmspur: Stimulus   Lösung  
Lernerspur:   Lösungsversuch   Wiederholung der richtigen Lösung

Meist sind zwischen 6–12 gleichartige Aufgaben zu einem Übungsblock zusammengestellt, mehrere Übungsblöcke zum gleichen Themenbereich werden als Übungskomplexe bezeichnet.

Technik und Verfahren dieser Art, das Lernen von Sprachen zu unterstützen, wurde bereits in den 20er Jahren entwickelt, besonders in den 40ern für spezielle Zwecke eingesetzt und ab den 50ern auch für den Schulunterricht. Für den DaF-Unterricht installierte das Goethe-Institut um 1960 die ersten Anlagen. In die öffentlichen Schulen kam es erst ab etwa 1963. Allerdings flaute der anfänglich begrüßte Einsatz der Sprachlehranlagen bereits um 1970 wieder ab und allmählich verschwand es fast ganz aus dem Sprachunterricht. Dies lag wohl daran, dass

  1. oft nur eine Anlage zur Verfügung stand, woraus sich Schwierigkeiten bei der Gestaltung der Stundenpläne ergaben,
  2. die Anlagen störanfällig und nicht immer einfach zu warten waren,
  3. nicht genügend Programme vorhanden waren, die den Anforderungen des Unterrichts genügten,
  4. die meisten Programme sich an der strukturalistischen/audio-lingualen Methode orientierten, damit als zu formal und wenig kommunikativ und als überholt angesehen wurden, obwohl es sehr bald auch Material mit kommunikativen Übungsformen gab,
  5. die Lehrenden häufig nicht die entsprechende Ausbildung im didaktisch-methodischen Umgang mit diesem Unterrichtsmedium hatten, wodurch der Unterricht ineffektiv (und oft langweilig) wurde und
  6. viele Lehrende daher Aufwand und Nutzen der Arbeit mit diesem Medium negativ einschätzten.

Trotz dieser negativen Einschätzung kann in Sprachlehranlagen nutzbringend in einer Reihe von Bereichen gearbeitet werden:

  1. Ausspracheschulung
    durch Hör-, Diskriminations- und Nachsprechübungen zu Wort- und Satzakzent,
  2. Hörverstehen
    durch Diktatübungen und die Arbeit an authentischen Texten und Textsorten, die lehrwerkabhängig oder -unabhängig sein können,
  3. Partnerübungen
    durch die Koppelung zweier Partner, deren Gespräch aufgezeichnet und anschließend ausgewertet werden kann. Sehr geeignet sind Telefongespräche und/ oder unter bestimmten Lernzielen Dolmetschübungen,
  4. Sprachproduktionsübungen,
    bei denen anders als bei den früheren reinen Strukturübungen zwischen Impuls und Reaktion ein situativer und sprachlicher Zusammenhang besteht, der realer Kommunikation entspricht und sich in Gespräche übertragen lässt. Sie werden sich häufig aus zuvor genannten Übungen ergeben, die es notwendig machen, bestimmtes kommunikatives Sprachmaterial situationsgebunden so zu üben, dass es zur freien Sprachproduktion führt.

Aber selbst manche herkömmlichen Strukturübungen lassen sich mit einigem Geschick zu kommunikativen Übungen und Minidialogen umfunktionieren. So kann z.B. aus

S(timulus): R(esponse):
Wollen Sie nach Berlin fahren? Ja, ich will nach Berlin fahren.

(aus: Lorenz Nieder, Sprechübungen, München 3. Auflage 1970, S. 47)

nach Abarbeiten der Übungssequenz von 5 S-R-Paaren folgende Übung (ohne Sprachlehranlage) nach Vorgabe in Partnerarbeit werden:

Wohin wollen Sie fahren? Nach Berlin.
  Und Sie, fahren Sie auch nach Berlin?
Nein, ich fahre nicht nach B. Wohin fahren Sie denn?
Ich fahre nach ... ...
(oder: Ja, natürlich. Dann können wir ja zusammen fahren.
Gern.)  
Was machen Sie denn dort? ...

Da solche Minidialoge meist offen werden, führen sie weg von gebundener zu echter Kommunkation.

Da inzwischen die Mankos früherer Ansätze und/oder der ihnen eigenen Übungstypen und -formen ausgeräumt sind, ist anzunehmen, dass Sprachlehranlagen im multimedialen Verbund wieder an Bedeutung gewinnen werden.

Weblinks

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