Sprechen

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Sprechen bezeichnet in der Allgemeinsprache alles, was mit mündlicher Kommunikation zusammenhängt.

Sprechen als Tätigkeit

Sprechen ist eine Tätigkeit, die nach einer Phase der Rezeption von Lauten zur Produktion von sinnvollen Lautkombinationen führt. Zusammen mit individueller Stimmlage, Intonation und Modulation, Rhythmus und Lautstärke, mit Mimik und Gestik kann eine Nachricht übermittelt werden, auf die eine Reaktion gewünscht wird und/ oder erfolgt, sei sie nun verbal, also gesprochen, oder non-verbal, als Handlung. Sprechen ist als eine Tätigkeit anzusehen, bei der in der mündlichen Interaktion neben rein sprachlichen Faktoren noch andere, z.B. soziale (etwa Gruppenzugehörigkeit), körperliche (Gestik, Mimik, Haltung), psychische (z.B. Wut, Trauer, Freude etc.) Faktoren eine Rolle spielen.

Mündlich und schriftlich

Sprechen öffnet im Gegensatz zur schriftlichen Fixierung andere Möglichkeiten: Gesprochenes lässt sich leichter abwandeln, uminterpretieren, kann vager sein, sich einfacherer Strukturen bedienen und im Dialog halbfertige Aussagen verwenden, die ergänzt und verstanden oder erraten werden. Gestik, Mimik, Körperhaltung können zur Unterstützung des Sprechens in vielfältiger Weise beitragen. Aber auch die Möglichkeiten, Fehler zu machen, sind größer, ohne dass sich allerdings daraus immer schwerwiegende Konsequenzen ergeben (müssen), da Korrekturen oder Erläuterungen sofort möglich sind. Sie schließen aber die Gefahr von Missverständnissen/Missverstehen oder gar des nicht Verstandenwerdens nicht aus.

Sprechen als Fertigkeit

Im Fremdsprachenunterricht gilt Sprechen als eine der vier ”klassischen” Fertigkeiten, die es zu erwerben bzw. zu vermitteln gilt. Allerdings ist das Verständnis für den Erwerbs- und Vermittlungsprozess des Sprechens noch immer sehr begrenzt. Einmal wird zu häufig nicht beachtet, dass dem Sprechen zunächst das hörende Verstehen und die Internalisierung der Laute und Lautfolgen vorausgehen muss, die erst einmal im individuellen, stillen Sprechen zu Mitteilungen geformt werden müssen, ehe lautes Sprechen verlangt oder gar erzwungen werden kann. Es scheint so, dass dies im Unterricht meist unbeachtet bleibt und von daher, dem Zwang zum Sprechen, die oft zu beobachtenden Sprechhemmungen bei Lernenden resultieren.

Obendrein beschränkt der Unterricht sich doch, trotz aller kommunikativ ausgerichteten Methoden, auf anfängliches imitatives Sprechen, später fast nur auf reproduktives oder gelenktes produktives Sprechen in bestimmten Situationen (z.B. Auskunft einholen, Auskunft geben), nach bestimmten Vorgaben (z.B. Bild, Zeichnung), vor allem schriftlich fixierten Texten (z.B. schriftlicher Dialog und dessen Abwandlung, Texten, Stichwortlisten). Das wirklich freie und zwanglose Sprechen, das Gespräch als intuitives, kreatives dialogisches Handeln ohne Vorgaben und mit all seinen Möglichkeiten (unvollständige Sätze, Kontakt-, Verstehens- und andere Signale, formelhafte Wendungen usw.) findet sehr selten statt. Es scheint, als werde erwartet, dass sich diese Fähigkeit und Fertigkeit im Laufe des Spracherwerbs von alleine entwickle oder einfinde. Findet wirklich einmal Gesprächsunterricht statt, so basiert er meist auf schriftlichen Texten, verlangt selten die Eröffnung eines (ungesteuerten) Gesprächs, das Einbringen und den Ausdruck eigener, ganz persönlicher Gedanken, die Reaktion auf die entsprechenden Aussagen von GesprächspartnerIn oder PartnerInnen und den passenden Gesprächsabschluss.

Freies Sprechen

Die Vernachlässigung des freien, persönlichen Sprechens wird vielfach damit begründet, dass es eine ”Übungstypologie des freien Sprechens” nicht gibt, mit deren Hilfe alle sprachlichen Fähigkeiten und Mittel zu aktivieren und vom reproduktiven und gelenkten Sprechen zum produktiven Gespräch zu führen wären. Es kann sie wohl auch im strengen Sinn nicht geben, da freie mündliche Kommunikation von zu vielen unvorhersehbaren Faktoren beeinflusst wird und von den Persönlichkeiten abhängig ist, die sich an ihr beteiligen. Lehrende mögen sich daher vielleicht auch scheuen, das Experiment und Wagnis einzugehen, ihre Lernenden im Gespräch sich selbst zu überlassen. Dahinter mag die Angst stehen, es könnte sich Falsches einschleichen und/oder ein solcher Teil des Unterrichts gar als Zeitverschwendung angesehen werden. Hinzu kommt noch neben der (scheinbaren) Schwierigkeit, geeignete motivierende Anlässe oder Situationen zu finden, dass Lernende nicht immer das notwendige Sprachmaterial zu ihrer freien Verfügung haben und ihnen daher oft der Mut fehlt, sich frei zu äußern (z. T. aber auch aus Angst vor der Bewertung durch die/den Lehrenden). Hier sind die Lehrenden gefordert, nicht nur vorbereitend Sprachmaterial bereitzustellen, sondern eine gelockerte, zum Miteinander-Sprechen geeignete Atmosphäre zu schaffen und sich vor allem aus ihrer (oft) dominierenden Rolle zurückzuziehen und die Lernenden Sprache und Sprechen unkontrolliert wagen zu lassen.

Siehe auch

Szenisches Spiel

Weblinks

Bibliographie

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