Transfer

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Transfer ist Übertragung der in einer bestimmten Lernsituation erworbenen Kompetenz auf eine andere analoge oder ähnliche Situation oder einen anderen Bereich, um dort auftretende Probleme zu bewältigen oder zu lösen.

Im Spracherwerbsprozess

Im Spracherwerbsprozess bezeichnet Transfer die Einwirkung von früher gelerntem Sprachmaterial (Muttersprache, Zweit-/ Drittsprache) auf später zu lernendes. Tritt dabei eine Lernerleichterung und Leistungsverbesserung auf, gilt dies als positiver Transfer, im gegenteiligen Fall negativer Transfer (auch: Interferenz, z.B. to take a picture = *ein Foto nehmen).

Im Sprachunterricht

Im Sprachunterricht wird Transfer aber meist als die Anwendung bereits gelernter Sprachmittel in mehr oder weniger neuen Situationen oder Bereichen verstanden.

Im Unterricht wird der Transfer sprachlicher Mittel aus einem gerade behandelten Text meist nur in der reproduktiv-imitativen Anwendung in Situationen mit analogen Themen- und Inhaltsstrukturen geübt, also etwa das Gespräch beim Kauf eines Gegenstandes (z.B. Buch) wird auf den Kauf eines anderen (z.B. Schallplatte) übertragen. Allerdings liegt hierbei eine sehr enge sprachliche und situative Steuerung vor. Selbst wenn dabei ggf. ein Sichtwechsel/Wechsel der Mitteilungsperspektive (dritte Person/erste Person; Präsens/Perfekt usw.) zu vollziehen ist, bleibt nur wenig Raum für autonomen Transfer.

Im Vordergrund steht damit das Üben von Sprache, nicht jedoch die mitteilungsbezogene Anwendung des Sprachmaterials.

Transfer, der mitteilungsbezogen ist, muss bereits im Anfängerunterricht geschult und gelehrt werden. Zu den meisten Ausgangstexten lassen sich Transferaufgaben stellen, die zunächst gemeinsam gelöst werden, ehe die Transferleistung in die häusliche Arbeit verlagert wird.

Übungen

So kann z.B. zu ausgewählten Sätzen eines Ausgangstextes Transfer geübt werden:

Beispiel 1

In welchen der angegebenen Situationen können die folgenden Sätze auch gebraucht werden?

1. Das gefällt mir aber ganz und gar nicht.
2. Das mag ich nicht.
3. Wiederholen Sie das bitte noch einmal.
4. Geben Sie mir das bitte mal rüber.
a. Bei Tisch.
b. Im Museum vor einem Bild.
c. Beim Kauf eines Bekleidungsstückes.
d. Beim Fotografen (Passbild).
e. Im Restaurant.
f. Im Reisebüro. usw.

”Erfinden” Sie nun zu den einzelnen Situationen ein Gespräch, eine Geschichte. Verwenden Sie dabei die zugeordneten Sätze.

Beispiel 2

Finden Sie Situationen oder Kontexte, in denen man die Sätze verwenden kann.

  1. Vorsicht bitte!
  2. Passen Sie doch auf!
  3. So weit darf es nicht kommen.
  4. Das tut aber weh!
  5. Diese Meinung kann niemand teilen.
  6. Die Katastrophe war vorauszusehen.

Häusliche Arbeit

Aufgaben dieser Art können bei Fortgeschrittenen dann als häusliche Arbeit so gestellt werden, dass selbstständig Sätze aus einem Text ausgesucht und mit einem Hinweis auf den Gebrauch in anderen Zusammenhängen zu versehen sind. Solche Übungen fordern und fördern nicht nur die Fantasie und Kreativität, sondern auch das Gefühl dafür, wie Gelerntes in anderen Zusammenhängen gebraucht werden kann.

Lernerorientierung

Der Transfer im Rahmen mitteilungsbezogener Äußerungen kann nur durch Inhalte und Situationen motiviert werden, die lernerorientiert sind und ein reales Mitteilungsbedürfnis wecken. Eine entsprechende Aufgabenstellung (bei dem angeführten Kaufgespräch etwa: ”Wie war das denn, als Sie/du im XY-Geschäft waren/warst?”) erlaubt viel eher, über den Ausgangstext hinausgehend individuelle Erfahrungen einzubringen. Dabei wird produktiver Transfer erfolgen.

Vorbereitung

Eine vorangehende (gemeinsame) Bereitstellung von bereits bekannten lexikalischen und grammatischen Mitteln ist für derartige Übungen hilfreich. Für eine Transferübung mit dem o.a. Kaufgespräch in eine andere Form oder einen anderen Zusammenhang müssten alle bereits bekannten Sprachmittel aufgelistet werden, mit denen sich Wunsch – Angebot/Vorschlag – Gefallen – Zustimmung – Missfallen – Ablehnung – Kauf – Nichtkauf ausdrücken lassen, zudem auch notwendige Konnektoren und je nach Arbeitsformen notwendige Interaktionsformen und -formeln.

Gerade Letzteres muss beachtet werden, da Transfer nicht nur in sprachlichen Formen, sondern auch in Verhaltensweisen erfolgt, die von Kulturkreis zu Kulturkreis sehr unterschiedlich sein können.

Ablauf

Vorstellbar ist folgender Ablauf:

  1. Arbeit am Ausgangstext,
  2. durch Fragen gelenkte Individualpräsentation des Textinhalts, -zusammenhangs,
  3. Wiedergabe mit Sichtwechsel,
  4. Zusammenstellung der für einen Transfer geeigneten Sprachmittel,
  5. Themen-/Aufgabenwechsel
    Ergänzung der bereits zusammengestellten Sprachmittel, Erwähnung der Mittel, die Beziehungen zwischen Partnern regeln (Interaktionsformen und -formeln), dabei ggf. Eingehen auf kulturell bedingte Unterschiede
  6. Partner-/Gruppenarbeit (fast unter Real-life-Bedingungen) Kurzdialog – Rollenspiel – Dramatisierung – Simulation – Diskussion über ... (ggf. auch im Plenum) usw.

Am erfolgreichsten ist der Transfer von Sprachmaterial dort, wo Lernende durch Ausgangstext, Themenwahl, Aufgabenstellung und Arbeitsform dazu motiviert werden, in ihre Textproduktion eigene Vorstellungen, Gedanken und ihre Fantasie einzubringen. Geeignet ist u.a. die Produktion von Märchen oder märchenhaften Erzählungen, von kurzen Geschichten, in denen Erlebnisse, Eindrücke oder Personen dargestellt werden, von Dramatisierungen oder auch von Fantasiegeschichten, die durch ein ”Reizwort” initiiert werden können (z.B. ”Gespenst/er”).

Weblinks

Bibliographie

Butzkamm, Wolfgang: Unterrichtsmethodische Problembereiche. In: Bausch, Karl-Richard et al. (Hrsg.): Handbuch Fremdsprachenunterricht. 3., überarbeitete und erweiterte Auflage, Tübingen 1995, S. 188–194. Butzkamm, Wolfgang: Über das Zusammenspiel von sprachbezogener und mitteilungsbezogener Kommunikation. In: Jung, Udo O.H. (Hrsg.): Praktische Handreichung für Fremdsprachenlehrer. Frankfurt/Main, Berlin usw. 1992, S. 33–44.
Müller, Andreas: Sprachenfolge Englisch-Französisch: Chancen und Risiken des Transfers. In: Praxis des neusprachlichen Unterrichts 1993, S. 117–122.
Uhlisch, Gerda: Spracherwerb und Interferenz. In: Berliner Beiträge zu DaF 41/1992, S. 41–48.