Wortschatzeinführung

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Wortschatzeinführung, auch Wortschatzvermittlung, Vokabeleinführung, ist die Bezeichnung für eine Reihe von meist ein-, manchmal auch zweisprachigen Verfahren zur Vermittlung des jeweiligen Wortschatzes einer Lektion.

Die Einführung neuer Wörter vermittelt neben deren Bedeutung, Aussprache und Orthografie, vor allem ihren kontextuellen wie emotionalen Gebrauch.

Stellenwert

Bedauerlicherweise wird die Wortschatzeinführung im Fremdsprachenunterricht stark vernachlässigt. Viele Lehrende sind sich der Bedeutung der Einführung von und der Arbeit am Wortschatz nicht mehr bewusst. Oft sind sie auch nicht willens oder fähig, Bedeutung und Gebrauch unbekannter Wörter in angemessener Weise zu erklären und zu üben.

Der Erwerb des Wortschatzes wird so der mehr oder weniger ausgeprägt vorhandenen Eigeninitiative der Lernenden überlassen, die das Vokabellernen (nachschlagen, notieren, lernen – ohne sinnvolle Anleitung dafür!) meist nur als lästige Erscheinung des Spracherwerbs ansehen, es vernachlässigen und dann oft in entscheidenden Augenblicken im wahrsten Sinn ”wortlos” dastehen.

Wortschatzeinführung

Wortschatzeinführung wird durch die Auswahl des einzuführenden Wortschatzes, den Zeitpunkt seiner Einführung, die Art der Einführung und die Festigung des Wortschatzes gekennzeichnet.

Wichtig ist zunächst die Entscheidung, welcher Teil des Wortschatzes eingeführt wird. Meist wird der neue Wortschatz durch das Lehr- und Lernmaterial und die jeweiligen Lektionen und ihre Texte oder besonders im Unterricht mit Fortgeschrittenen durch ausgewählte Texte bestimmt.

didaktische Entscheidungen

Dabei ergibt sich aus dem oft zahlenmäßig sehr hohen Wörterangebot ein Problem: aufgrund der gedächtnisphysiologischen Gegebenheiten wird ein Großteil dieser neuen Worteinheiten nicht behalten. In der Praxis hat sich gezeigt, dass die beste Behaltensquote bei acht bis maximal zwölf neuen Worteinheiten erreicht wird. Dies verlangt nach einer Auswahl der zu vermittelnden Worteinheiten. Diese keineswegs leichte Auswahl sollte zwischen Wörtern des sog. aktiven und passiven Wortschatzes getroffen werden.

Diese (didaktische) Entscheidung ist nicht einfach, zumal sie auch davon bestimmt wird, wieweit es sich bei den Lernergruppen um Anfänger oder Fortgeschrittene handelt. Anfänger müssen zunächst einen stärker aktiv orientierten Ausgangswortschatz (auch: Grundwortschatz, Basiswortschatz) erwerben. Bei Fortgeschrittenen hingegen spielen die speziellen Interessen der jeweiligen Lernenden eine entscheidende Rolle und damit die Notwendigkeit eines weitaus höheren Anteils an passivem Wortschatz.

aktiver und passiver Wortschatz

Der aktive Wortschatz wird durch seinen für die jeweilige Gruppe aufgrund des Lernziels besonderen Gebrauchswert bestimmt (hohes Vorkommen in alltäglichen oder speziellen Gebrauchstexten, große Bedeutung für mündliche oder schriftliche Kommunikation wie Füllwörter, Partikel usw., Berücksichtigung der besonderen Interessengebiete der Lernenden etc.) und muss daher besonders intensiv behandelt werden.

Der passive Wortschatz ist jener, der zwar auch in den angesprochenen Bereichen vorkommt, jedoch meist nur zum Verstehen gesprochener und geschriebener Texte beiträgt, also eher als Verstehenswortschatz bezeichnet werden kann, der im entscheidenden Augenblick als bekannt aus dem Gedächtnis abgerufen oder über andere Wege (z.B. Wortbildung) erschlossen wird.

Progession?

Problematisch und kaum lösbar ist für beide Bereiche die Frage nach der Wortschatzprogression. Es wird immer wieder auf Sammlungen von Grund- und Mindestwortschätzen verwiesen, doch übersehen, dass sie erstens aufgrund der ihnen zugrunde liegenden Textauswahl und der darauf aufbauenden Frequenzanalyse Wörter bieten, die meist nur für einen begrenzten Bereich gelten. Obendrein lassen sie viele für die Kommunikation wichtige Wörter aus (z.B. Partikel usw.). Daher können sie als wenig nützlich angesehen werden.

Zeitpunkt der Einführung

Der Zeitpunkt der Einführung neuen Wortschatzes kann vor, während oder nach der Arbeit mit einem Text liegen.

Die Vermittlung vor der Arbeit mit dem Text verzichtet auf Bedeutungserhellung durch den Textzusammenhang und mögliche Erschließung durch die Lernenden selbst. Meist wird in dieser Art im Unterricht mit Anfängern verfahren, die noch nicht über einen genügend großen Wortschatz verfügen, der ihnen bei der Erschließung nützt oder der es erlaubt, über Assoziogramme den Wortschatz gemeinsam zu erarbeiten. Vorteilhaft ist diese Art der Vermittlung in zweierlei Hinsicht: 1. Wird der Wortschatz in der Reihenfolge seines Vorkommens im Text dargeboten, ergibt sich ein Textgerüst, das nachfolgende (mündliche) Arbeit erleichtert. 2. Der Text kann (fast) ohne Unterbrechungen gelesen werden, Verstehensschwierigkeiten gibt es nur selten.

Wird der Wortschatz während der Arbeit am Text vermittelt, kann der Textzusammenhang zur Bedeutungsklärung nutzbar gemacht werden. Wiederholtes Auftreten einer lexikalischen Einheit hat dann zudem noch einen Festigungseffekt. Nachteilig wirkt sich allerdings aus, dass der Text auseinandergerissen und ggf. durch zusätzliche Worterläuterungen (Wortfelder, Wortfamilien) vom eigentlichen Arbeitsziel (Text) abgewichen wird.

Bei fortgeschrittenen Lernenden ist eine gemeinsame Erarbeitung des Wortschatzes nach der Textlektüre durchaus angemessen. Der Text wird zumeist (global) verstanden, neuer Wortschatz muss aus dem Textzusammenhang erschlossen werden und die Erstellung von Beziehungsgerüsten (”Was gehört zusammen?”) erleichtert den Behaltensprozess.

Verschiedene Verfahren

Zur Vermittlung bieten sich non-verbale und verbale, ein- und zweisprachige Verfahren an, die sich ergänzend oder auch getrennt eingesetzt werden können.

Non-verbale Vermittlung der Begriffe (natürlich unter begleitendem Sprechen) kann durch das Zeigen von Gegenständen (z.B. Buch, Heft), Gestik und Mimik (z.B. drohen, lachen), Demonstration (gehen – laufen, stolpern) sowie Bilder und Tafelzeichnungen erfolgen. Allerdings versagen diese Möglichkeiten, sobald Abstrakta (z.B. Brüderlichkeit, Liebe) oder mehrdeutige Begriffe zu erklären sind (so wäre es z.B. kaum hilfreich, allein auf einen Fernseher zu zeigen, wenn der Begriff Gerät einzuführen ist, da es ja noch eine Reihe anderer Gegenstände gibt, die dieses Wort bezeichnet).

Häufig wird in derartigen Fällen und auch dann, wenn Zeit gespart werden soll, zur zweisprachigen Erschließung gegriffen. Dies ist allerdings nur möglich, wenn es sich um Lernende einer Ausgangssprache handelt, die die/der Lehrende voll beherrscht. Nicht beachtet wird dabei häufig, dass lexikalische Einheiten von Ausgangs- und Zielsprache (Deutsch) nicht immer voll identisch sind, sondern sich nur in Teilbereichen decken. Dies ist ebenfalls der Nachteil der zu Lehrwerken gehörigen Glossare oder des eigenständigen Nachschlagens in Wörterbüchern. Das führt zu Fehlleistungen wie *Können Sie mir bitte Geld ändern, wenn z.B. im Glossar ital. cambiare nur mit dt. ändern angegeben wird. Neben diesen Gefahren verführt der Weg über (scheinbare) Wortgleichungen Lernende dazu, Wörter nach der ”Vokabelheftmethode” zu lernen, bei der die Wörter in Spalten nebeneinander stehen und durch Abdecken der einen wie der anderen Spalte gelernt werden, ohne dass Zusammenhänge (z. B Ableitung) und Gebrauch erfasst werden.

Einführung in der Zielsprache bietet die Möglichkeit, Wortschatz nicht nur im Zusammenhang mit dem jeweiligen oder einem zusätzlichen Text zu vermitteln, sondern auch die skizzierten Gefahren zu vermeiden und das Lernen zu erleichtern.

Einsprachiges Verfahren

Solche einsprachigen Möglichkeiten bieten sich durch

  1. bereits bekannte Wörter mit a. gleicher (Synonyme), b. ähnlicher oder c. gegensätzlicher Bedeutung (Antonyme), z.B. erhalten – bekommen, imstande sein – können, billig – teuer.
    Allerdings ist dieser Weg nicht ganz unproblematisch, da von der semantischen Kongruenz von Wörtern ausgegangen wird, die nicht immer tatsächlich vorhanden ist: z.B. reden – sprechen;
  2. die Einführung durch Beispiel, Definition, Umschreibung, wobei allerdings darauf zu achten ist, dass das unbekannte Wort nicht mit weiteren unbekannten Wörtern erklärt wird. Zudem müssen ein schon relativ hoher zielsprachlicher Wortschatz und die Fähigkeit zur Abstraktion bei den Lernenden vorhanden und auch das hörende Verstehen genügend ausgebildet sein. So ließen sich z.B. Wörter wie Obst, Gemüse unter Verwendung von (bekannten und in der Ausgangssprache ähnlichen) Wörtern einführen: Orangen, Bananen und Äpfel sind Obst, Salat und Tomaten sind Gemüse;
  3. die Einbettung in einen Kontext kann ebenfalls herangezogen werden: z.B.: Sie isst in einem Restaurant zu Mittag. Sie isst Suppe, kein Fleisch, nur einen Salat und als Nachtisch (Dessert) kein Eis, sondern eine Orange, also Obst;
  4. Assoziogramme und daraus sich ergebende Beziehungsfelder mit der Kommentierung der einzelnen Wörter sind eine weitere Möglichkeit, besonders zur thematisch orientierten Vorbereitung auf einen oder mehrere Texte und bei der Projektarbeit. Da sie bereits ausreichenden aktiven wie passiven Wortschatz voraussetzen, sind sie für den Anfängerunterricht wenig geeignet. Im Unterricht mit Fortgeschrittenen sollte darauf geachtet werden, dass keine Überfrachtung mit Wörtern eintritt und auch nicht vom eigentlichen Arbeitsziel abgewichen wird;
  5. die Einübung in die Arbeit mit ein- wie zweisprachigen Wörterbüchern, mit Hinweisen auf mögliche Schwierigkeiten beim Nachschlagen gehören durchaus hierher, werden aber leider allzu oft vernachlässigt.

Welcher Weg zur Einführung neuen Wortschatzes eingeschlagen wird, hängt von der Zielgruppe und deren Kenntnisstand, dem Arbeitsmaterial und -ziel ab.

Festigung des Wortschatzes

Der neu eingeführte Wortschatz sollte nicht nur im entsprechenden Text präsentiert, sondern auch auf unterschiedlichste Weise angewendet, differenziert und damit gefestigt werden. Es bieten sich dazu von Substitutionsübungen, Ergänzungs- und Wortbildungsaufgaben, Wortfeldaufgaben, Kreuzworträtsel bis zu Spielen (z.B. Wörterraten, Scharaden) viele Möglichkeiten, die die kommunikative Verwendung neuen Wortschatzes fördern.

Weblinks

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