Hörverstehen

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Hörverstehen (HV) (auch: verstehendes Hören) ist nicht gleichzusetzen mit Hören. HV ist wichtiger Bestandteil direkter Kommunikation, aber auch isolierte Aktivität in indirekter Kommunikation (etwa beim Hören von Radio-, Fernseh- oder Filmtexten, wobei bei letzteren das Bild eine wichtige Rolle spielt).

Im Fremdsprachenunterricht wird unter HV die rezeptive Fähigkeit verstanden, einen gesprochenen Text der Zielsprache (möglichst in vielen Einzelheiten) zu verstehen.

Zusammenspiel verschiedener Faktoren

HV ist Zusammenspiel von (neuro)-physiologischen, mentalen und kognitiven Faktoren. Mit der auditiven Wahrnehmung eines geäußerten Sprechschalles beginnen gleichzeitig vielfältige Prozesse. Sie bewirken, dass das Geäußerte auf Grund sinnkonstituierender semantischer, syntaktischer, pragmatischer und kognitiver Strukturen und/oder Hörmuster, realer und/oder mentaler Bilder in dem, was gemeint, mitgemeint oder beabsichtigt ist, soweit als möglich verstanden und vom Gedächtnis gespeichert wird. Gleichzeitig werden Hypothesen über den weiteren Verlauf der Äußerung(en) gebildet, die zusammen mit Antizipationen und Korrekturen das weitere Verstehen und die sich daraus ergebenden Reaktionen steuern.

Beeinflusst wird das Hörverstehen durch viele Faktoren, die beim Sprechenden, dem Hörenden, der Äußerung/dem Text und der Situation liegen können.

Beim Sprechenden können dies Haltung, Gestik, Mimik, Stimme, Aussprache, Prosodie, Wort- und Ausdruckswahl, Aufbau der Äußerung, Sprechabsicht(en) usw. sein.

Beim Hörenden kommt es auf Hörfähigkeit, Erwartungen, Hörabsichten und Hörstil, Aufmerksamkeit, Konzentration und ggf. deren Störung, Gedächtnisleistung, Voraussetzungen im Sprachlichen und im (Vor-)Wissen etc. an.

Gesprochene Sprache

Die Äußerung / der Text übt Einfluss aus durch Textsorte und damit vorgegebene Sprache (authentisch, nicht-authentisch, spontan, vorbereitet, nicht-spontan gesprochen usw., vgl. Dirven 1984, 22), Mitteilungsabsicht, konstituierende und verbindende Elemente, Form usw.

Die Situation kann die Art und Form der Äußerung und deren Aufnahme beeinflussen, sie kann das HV ggf. durch Störgeräusche usw. teilweise oder ganz verhindern.

Im Sprachunterricht soll das HV so weit entwickelt und geschult werden, dass gesprochene zielsprachliche Texte ohne Hilfe verstanden und ihre Informationen zu weiterem sprachlichen und nichtsprachlichem Handeln verwendet werden können. Es muss darauf hingewiesen werden, dass ein vollkommenes und ins Einzelne gehende Verstehen gehörter Äußerungen/Kommunikation nicht erreicht werden kann und genauso wenig wie eine Wort-für-Wort-Wiedergabe anzustreben ist. Das Verstehen sollte vom Gesamteindruck (”Worum geht es?”, ”Was soll erreicht werden?”) über die aufgabengelenkte HV-Arbeit hinführen zur freien Informationsentnahme, die von den Interessen der Hörenden bestimmt ist.

Auswahl von Hörtexten

Diese Zielsetzung und die vorgenannten involvierten Faktoren bestimmen die Anforderungen an und die Auswahl von Hörtexten, den Übungsablauf und die Aufgabenstellung.

Originaltexte sind vorzuziehen, da sie die Strukturen und Eigenheiten gesprochener Sprache (wie Ellipsen, Verschleifungen, Pausen, Unterbrechungen, Korrekturen, Wiederholungen, Paraphrasen usw.) und charakteristische Gliederungssignale aufweisen.

Ihr Inhalt muss Interessen und Aufmerksamkeit der Lernenden ansprechen. Nicht geeignet sind daher Texte des Lehrmaterials, die von Informationsinhalt, Lexik und Grammatik her bereits bekannt sind. Mit dem bekannten Sprachmaterial müssen ergänzende oder neue Informationen geboten werden. Dabei ist zu achten auf allmähliche Steigerung von einfacheren zu schwierigeren Informationen, von deren leichter Fasslichkeit, Einfachheit und Gegenständlichkeit hin zu komplexeren, komplizierten (aber strukturierten) und abstrakten Inhalten.

In Lexik, Grammatik und Stilistik müssen die Texte der jeweiligen Lernstufe entsprechen. Für den Anfängerunterricht wird es sich dabei zunächst um reduzierte, ggf. geringfügig angeglichene Texte handeln, die aber bald durch nicht adaptierte Texte zu ersetzen sind. Im Unterricht mit Fortgeschrittenen sollten nur Originaltexte verwendet werden.

Die Länge der Sätze liegt anfangs bei 5–7 Wörtern, steigert sich dann langsam auf maximal 12 Wörter.

Die zeitliche Länge von Höraufgaben beträgt zwischen 1 bis maximal 2 Minuten für Anfänger, für Fortgeschrittene zwischen 3 und 5 Minuten. Steigerungen der zeitlichen Länge sind bei intensivem Hör- und Gedächtnistraining und veränderten Aufgabenstellungen möglich.

Wichtig bei der Schulung des HV ist das Hören von vielen unterschiedlichen Sprechern zur Vorbereitung der Lernenden auf reale Gegebenheiten.

Lernende müssen dazu angeleitet werden, auf Sprecher- und Gliederungssignale zu achten, Wörter zu assozieren, sinnerschließend zu hören (intelligentes Erraten von Wortbedeutungen, Satz- und Inhaltszusammenhängen), Leitfragen an einen Text zu stellen Fragetechnik. Auch eine (individuell abwandelbare) Notiztechnik (Hauptaussagen und/oder bestimmte Aspekte festhalten, Wortvereinfachungen, Symbole, grafische Zeichen usw.) ist zu vermitteln.

HV-Übungen

Alle Übungen zum HV sollten im Unterricht ohne Leistungsdruck (Bewertung, Benotung) durchgeführt werden. Großer Wert ist abwechslungsreichem Einsatz von Übungstypen und Aufgabenstellungen beizumessen.

Übungen zur Hördiskrimination zielen auf das Erfassen und Unterscheiden von Phonemen, Morphemen, Wörtern, Satzteilen, Sätzen usw.
Wahrnehmungsübungen fordern und fördern das Erkennen sinnkonstituierender Elemente (Personen-, Zeit-, Ortsangaben, Schlüsselwörter usw.).
Strukturierungsübungen haben das Erkennen von Satzteil- oder Satzgrenzen, der Textgliederung/Textstruktur und von Argumentationsabläufen etc. zum Ziel.
Übungen zum selektiven Hören lenken die Aufmerksamkeit auf zu erfassende Situationen, Absichten, Sachverhalte usw. Bei diesen Übungen ist die Aufgabenstellung (mc-Aufgaben, Leitfragen usw.) besonders wichtig.
Übungen zum totalen Hören leiten zunächst nur zur Beschreibung, zum Nachvollzug oder auch zu kurzer Zusammenfassung von Teilen eines Textes an, verlangen dann aber die Zusammenfassung oder Wiedergabe eines längeren Textes.

Sprachliche oder nichtsprachliche (z.B. Zeigen von Gegenständen) Reaktionen werden von den Aufgabentypen bestimmt.

Unter ihnen finden sich sehr häufig (die wegen der notwendigen Vorgaben nicht unproblematischen) Auswahlantwortaufgaben (multiple-choice). Diese Aufgaben wie auch Richtig/Falsch- bzw. Ja-Nein-Aufgaben (”Steht das so im Text?”) und geschlossene Fragen (”Leitfragen”/”Journalistenfragen” Was ...? Wer ...? Wann ...? Wo ...? etc.) steuern die Aufmerksamkeit und die Informationsentnahme und führen zu mehr reproduktiven Leistungen. Offenen Fragen hingegen erreichen eher das Problem-/Gesamtverstehen und leiten an zur eigenen Meinungsäußerung und Interpretation und damit zu produktiven Leistungen.

Bei Zuordnungsaufgaben sind oft Gegenstände oder Abbildungen aufzusuchen, zu zeigen, auszuwählen und den betreffenden Textstellen zuzuordnen oder auch Handlungen auszuführen. Aber auch die Zuordnung eines mit dem Hörtext identischen Textes aus einer Reihe von Texten oder die Zuordnung der zutreffenden Zusammenfassung aus mehreren kann als Aufgabe gestellt sein.

Zusammenfassungsaufgaben sind u.a. das Erstellen von Abschnittsüberschriften oder die Zusammenfassung des Inhalts von Abschnitten bzw. des gesamten Textes. Die Lösung dieser Aufgaben kann durchaus in der Ausgangssprache erfolgen, wenn nur das rezeptive Verstehen wesentlicher Informationen bzw. des Textinhalts nachgewiesen werden soll. Eine reproduktiv-produktive sprachliche Leistung (z.B. Zusammenfassung) hingegen wie auch eine produktive (Meinungsäußerung, Stellungnahme, Diskussion etc.) wird immer in der Zielsprache zu erbringen sein.

Bewertung

Problematisch ist die (durchaus erforderliche) Bewertung von HV-Leistungen. Es sind sowohl die Wiedergabe des Inhalts zu bewerten als auch die sprachliche Angemessenheit der Wiedergabe. Die inhaltliche Wiedergabe wird nicht unerheblich durch die Gedächtnisleistung der/des einzelnen Lernenden beeinflusst. Daher sollte nur die Richtigkeit der wesentlichen Inhaltsteile bewertet werten, nicht jedoch deren ins Einzelne gehende Wiedergabe. Im sprachlichen Bereich ist die der Lernstufe entsprechende Angemessenheit zu bewerten, d.h. sowohl Formales wie Morphologie und Syntax als auch der Stil, wie er sich in Ausdrucksfähigkeit, Wort- und Ausdruckswahl, Satzverbindungen usw. ausprägt.

Audio-visuelle Medien im Internet

Das Angebot audio-visueller Medien, das über das Internet zur Verfügung steht, ist sehr breit. Neben institutioinellen Anbietern wie Radio- und Fernsehstationen stellen auch private Nutzer Audio- und Videodateien ins Netz. In Videoportalen, auf zahlreichen anderen Webseiten oder über Podcasts steht so ein breites Sprekturm authenischer, aktueller Hörmaterialien zur Verfügung, das auch ein unterschiedliche Sprachvarietäten und Sprachsgebrauchsituationen beeinhaltet. Neben diesen authentischen Materialien existieren auch einige eigens für Lernende konzipierte Angebote, wie zum Beispiel die Podcast zum Deutschlernen von der Deutschen Welle, über Audio-lingua zur Verfügung gestellte Äusserungen von Muttersprachlern oder die didaktisierten Video-Clips von CNN Student News. Einige dieser Angebote wurden von Grund auf für Lernende konzipiert, andere enthalten authentischen Audio- oder Videoquellen, unterstützen den Sprachwerwerb aber mit didaktischem Zusatzmaterial wie Transkriptionen, Glossaren oder Verständnisfragen.

Bei der Arbeit mit audivisellen Medien im oder aus dem Internet sind prinzipiell - abhängig vom ausgewählten Hörtext - alle üblichen Übungsformen möglich. Die Zugänglichkeit über das Internet sowie im Fall von Podcasts die Möglichkeit, einzelne Episonden abzuspeichern und auf mobile Endgeräte wie zum Beispiel mp3-Player oder Smartphones zu übertragen, ermöglichen auch die Arbeit mit audio-visuellen Materialien ausserhalb der eigentlichen Unterrichtszeit. Neben der Nachbearbeitung von im Unterricht behandelten Hörtexten oder dem Lösen von auf Podcastepisoden basierenden Hörverstehensaufgaben können Lernende audio-visuelle Materialen auch selbständig zur Unterstützung des Spracherwerbs verwenden. Auf diese Weise wird auch fern ab der Zielsprachenländer ein intensiver Kontakt mit authentischer gesprochener Sprache möglich, der flexibler als allein mit Hilfe von Radio und Fernsehen an die eigenen Bedürfnisse angepasst werden kann.

Beispiele für audio-visuelle Medien im Internet

  • [www.audio-lingua.eu Audio-lingua]: Hördateien in Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Portugiesisch, Russisch und Spanisch.
  • [Podcast-Angebot der Deutschen-Welle] zum Deutschlernen. Mit Transkriptionen, z.T. auch mit Glossaren und Aufgaben.
  • CNN Student News: Didaktisierte Videos (Aufgaben und Transkriptionen)

Weblinks

Bibliographie

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Solmecke, Gert: Texte hören, lesen und verstehen. Eine Einführung in die Schulung der rezeptiven Kompetenz mit Beispielen für den Unterricht Deutsch als Fremdsprache. (Fremdsprachenunterricht in Theorie und Praxis), Langenscheidt, München 1993.
Solmecke, Gert: Zur Überprüfung der Hörverstehensleistung fortgeschrittener Lernender. Aufgabenformen und Probleme der Leistungsmessung. In: Info DaF 4/1999, S. 313–326.
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