Muttersprache

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Definition

Mit dem Begriff Muttersprache wird die erste erlernte Sprache bezeichnet, die auch Erstsprache oder Primärsprache genannt wird. Der Begriff Muttersprache stellt keine wissenschaftliche Definition dar. Muttersprache muss nicht unbedingt mit der Herkunft korrelieren, sondern kann eine Sprache sein, mit der man sich identifiziert oder die man am häufigsten verwendet. Sie kann sich mit den Lebensumständen verändern, so dass die zuerst gelernte Sprache als Muttersprache nicht mehr gebraucht und vergessen wird.


Rolle der Muttersprache

Die Muttersprache ist prägend für die kognitive, psychische und soziale Entwicklung des Kindes. Sie vermittelt neben Strukturen auch Werte und Normen der Sprachgemeinschaft und ist eng mit der Identität verknüpft.


Kriterien zur Bestimmung der Muttersprache

Folgende Kriterien können zur Bestimmung der Muttersprache herangezogen werden: 1.) Herkunft: Muttersprache als die Sprache, die die erste Bezugsperson mit dem Kind spricht und die das Kind zuerst lernt 2.) Kompetenz: Muttersprache als die Sprache, die das Kind am besten spricht 3.) Funktion: Muttersprache als die Sprache, die das Kind am häufigsten gebraucht 4.) Identifikation: Muttersprache als die Sprache, mit der sich das Kind identifiziert


Erstspracherwerb

Jedes Kind, das unter normalen Bedingungen aufwächst, eignet sich im Verlauf weniger Jahre die Sprache(n) seiner Umgebung an. Man kann davon ausgehen, dass der Erwerb der Muttersprache zu den schwierigsten intellektuellen Aufgaben gehört, die ein Mensch bewältigen muss.


Voraussetzungen für den Spracherwerb

Drei wichtige Voraussetzungen ermöglichen den raschen Erwerb der Erstsprache: die biologische, die kognitive und die sozial-interaktive Voraussetzung. Die biologische Voraussetzung schließt die Entwicklung des Hörvermögens, der Sprechwerkzeuge und die Hirnreifung ein. Zu den kognitiven Voraussetzungen gehört die sensumotorische Entwicklung (Entwicklung des Objekt- Permanenz- Begriffs) sowie die Entwicklung des anschaulichen Denkens und konkreter sowie formaler Operationen. Die sozial-interaktiven Voraussetzungen werden sowohl durch motivationale Faktoren als auch durch die familiären Bedingungen (Situation der Familie, Interaktionsstile, Position in der Geschwisterreihenfolge, Familiengröße, Bildungsvoraussetzungen, Sprache und Beschäftigungssituation der Eltern) bestimmt.


Entwicklungsphasen der Erstsprache

Folgende Entwicklungsphasen kennzeichnen den Erstspracherwerb: 1. Verstehen und produzieren sprachlicher Laute, Entwicklung des Hörverstehens und der Lautwahrnehmung: das Kind schreit und beginnt dabei zu differenzieren (erste Tage und Wochen nach der Geburt) 2. Entwicklung der Artikulation: das Kind lallt und produziert die ersten Laute (2-7 Monat) 3. Entwicklung sprachlicher Deutungen, Bedeutungserschließung, Benennung und Referenzbezug: das Kind erkennt Signale und versteht die Mutter (8-12 Monat) 4. Entwicklung von Wortbedeutungen: das Kind spricht die ersten Wörter (ca. 1 Jahr) 5. Entwicklung grammatischer Kompetenz: das Kind sprich in Mehrwortsätzen (2-3 Jahre) 6. Kind führt erste Dialoge und beginnt zu erzählen (3-4 Jahre) 7. Kind spricht alle Laute und kann sich mit anderen Personen unterhalten (5 Jahre) 8. Kind entwickelt persönlichen Sprachstil und schlüpft immer mehr in eine individuelle Sprecherrolle (6/7 Jahre)


Spracherwerbstheorien

Die Spracherwerbsforschung ist bis heute damit beschäftigt, die sprachliche Entwicklung von Kindern zu klären. Je nach wissenschaftlicher Position stehen bestimmte Theorien im Blickpunkt der Vermutungen. Der Rationalismus (Nativismus)z.B. geht von angeborenen Spracherwerbsmechanismen aus. Der Empirismus geht davon aus, dass Sprache gelernt wird und dass Umgebung und Betreuungspersonen für den Lernprozess von besonderer Bedeutung sind.


Probleme beim Erstspracherwerb

Die häufigsten Probleme, welche beim Erstspracherwerb auftreten können, sind Probleme beim Sprachverstehen, der Aussprache, beim Wortschatz, bei der Satzbildung sowie Stottern und Poltern. Als Gründe dafür werden oft ein Mangel an Zeit für Gespräche und sprachlicher Interaktion vermutet.


Doppelter Erstspracherwerb

Als doppelten Erstspracherwerb bezeichnet man den gleichzeitigen Erwerb zweier Sprachen von Geburt an. Bis Ende des dritten Lebensjahres werden beide Sprachen als Erstsprachen erworben und verarbeitet. Man spricht in diesem Fall von doppeltem Erstspracherwerb oder auch von simultanem/ primärem Bilingualismus bzw. Zweitspracherwerb. Die dominierende Sprache wird dabei als starke Sprache bezeichnet, die weniger ausgeprägte Sprache ist die schwache Sprache.

Jeder weitere Spracherwerb, der nach dem Erwerb der Primärsprache stattfindet, wird sekundärer Spracherwerb (sekundärer Bilingualismus) genannt.

Zweisprachigkeit

Für den Begriff Zweisprachigkeit (Bilingualismus) existieren ähnlich dem Begriff Muttersprache verschiedene Definitionen. Im Allgemeinen beschreibt der Begriff die Aneignung mindestens einer weiteren Sprache neben der Erstsprache, ohne dabei die erstsprachlichen Kompetenzen zu verlieren.


Funktionale Zweisprachigkeit

Erfüllen die Sprachen unterschiedliche Funktionen für den Sprecher, bzw. werden sie in unterschiedlichen Situationen gebraucht, spricht man von funktionaler Zweisprachigkeit. Bei Sprechern von Minderheitensprachen wird die Minderheitensprache meist im informellen Kreis verwendet (Familie, Freundeskreis) und die Majoritätssprache im formellen Kontext (Schule und Berufsleben) genutzt.

Code-Switching und Code-Mixing

Code- Switching (auch: Kodeumschaltung, Sprachwechsel) bezeichnet den wechselnden Gebrauch zweier Sprachen durch einen Sprecher im Verlauf eines Diskurses. Dies geschieht nicht aus Verlegenheit oder Unkenntnis, sondern einem komplexen System soziolinguistischer Faktoren.

Code-Mixing (auch: Sprachmischung) ist der wechselnde Gebrauch zweier Sprachen, bei dem der Wechsel keine soziokommunikative Bedeutung trägt


Semilingualismus

Als Semilingualismus wird das Phänomen der „doppelten Halbsprachigkeit“ bezeichnet, d.h. der Sprecher beherrscht keine seiner Muttersprachen korrekt.


siehe auch

Sprachentwicklung Spracherwerb Mehrsprachigkeit

Literatur

Bickes, Hans/Pauli, Ute (2009): Erst- und Zweitsprachenerwerb. Paderborn: UTB Fink. Apeltauer, Ernst (2001): Grundlagen des Erst- und Fremdsprachenerwerbs. Berlin: Langenscheidt. Günther, Britta/ Günther, Herbert(2004): Erstsprache, Zweitsprache, Fremdsprache. Weinheim und Basel: Beltz Verlag. Kreppel, Nicole (2006): Auffälligkeiten im Spracherwerb bilingualer Kinder. Wettenberg: Johannes Herrmann J&J Verlag. Bartnitzky, Horst (2006): Sprachunterricht heute. Sprachdidaktik, Unterrichtsbeispiele, Planungsmodelle. Hrsg. von Reinhold Christiani und Klaus Metzger. 4.Auflage. Berlin: Cornelsen

Weblinks