Spracherwerb

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Allgemeines

Die Möglichkeit Sprache zu erwerben ist eine einzig dem Menschen vorbehaltene Fähigkeit. Dazu sind spezifische biologische, kognitive und soziale Voraussetzungen von Nöten.

Biologische Voraussetzungen

Die Spracherwerbsfähigkeit ist direkt mit dem Sprechapparat verbunden. Der Mensch benötigt seine Atemorgane (Lunge, Zwerchfell und Luftweg), den Artikulationstrakt (Kehlkopf, Rachen, Mund- und Nasenraum) sowie die Hörorgane (Innenohr mit seinen Anschlussstellen zur neuronalen Weiterverarbeitung durch das Gehirn) zur Rezeption und Produktion von Lauten und somit von Sprache. Die hohe Dicht an Nervenzellenvernetzungen spielt hierbei eine entscheidende Rolle für die Bewältigung von Sprechen und Verstehen. Kein anderer Organismus als der Mensch verfügt dabei über diese biologische Ausstattung.

Kognitive Voraussetzungen

Um Sprache ausbilden zu können, bedarf es einer speziellen Wahrnehmungsfähigkeit, die es unter anderem ermöglicht sprachliche und nicht-sprachliche auditive Reize zu unterscheiden. Genetisch verankerte Dispositionen, wie Denk- und Merkfähigkeit sind dabei unerlässlich bei der Ausbildung und Verarbeitung von Sprache. Begriffsbildung und komplizierte Analysevorgänge werden erst so ermöglicht.

Soziale Voraussetzungen

Ein stabiler Bezug und Interaktion mit einer „Brut-Person“ sind entscheidend beim Spracherwerb. Der Inhalt und die Komplexität der Interaktion bestimmen dabei das sprachliche Wissen. Sprachlicher Input in Verwendungssituationen sind wichtig, da das Kind nur dann Sprache ausbilden kann, wenn es sprachlicher Kommunikation in einem sozialen Umfeld ausgesetzt ist.

Allgemein kann man sagen, dass lautliche Rezeption Voraussetzung für lautliche Produktion ist:

Lautliche Rezeption

Gleich nach der Geburt kann ein Kind zwischen sprachlichen und nicht-sprachlichen Schallereignissen unterscheiden. Im Alter von ca. 6 Monaten kann ein Kind Lautfolgen im Gedächtnis mit Inhalten verbinden. Das Kind stellt seine Wahrnehmung auf seine Umgebungssprache ein. Es entwickelt mit der Zeit ein phonologisches Wissen. Die phonologische Gliederung geschieht dabei nicht von einem Tag auf den anderen, sondern in zielsprachlich relevanten phonologischen Kontrasten (Silben). Im nächsten Schritt kommt es zum Erwerb von lexikalischem Wissen durch die Entdeckung der Laut-Bedeutungs-Relation. Allgemein kann man den Wahrnehmungsvorgang in 3 Phasen einteilen: 1. die sensorische Empfindung (akustische Reize) 2. die perzeptuelle Organisation der empfundenen Reize zu einer Wahrnehmungseinheit 3. die Klassifikation, im weiteren Sinne.

Lautliche Produktion

Die Entwicklung der Lautproduktion ist stark verbunden mit der Gesamtentwicklung des Kindes, d.h. dem körperlichen Wachstum, der Ausdifferenzierung der Psyhomotorik, kognitiver Fähigkeiten und seiner sozialen Anpassung. Von der Geburt bis zum 6.Lebensjahr vollführt das Kind eine Abfolge von Ausdifferenzierungen. Am Anfang der Ausdifferenzierung steht das Schreien, ein neuronal gesteuerter Vorgang, der ein motorisches Zusammenwirken von Atmung, Kehlkopfaktivität und Ansatzrohr verlangt. Im folgenden Jahr erfolgt eine zunehmende lautliche Ausdifferenzierung, an deren Ende das erste Wort, eine Lautform mit kommunikativer Funktion, steht.

Spracherwerbstheorien

In der Wissenschaft wurden eine Reihe von Theorien entwickelt, die das Phänomen des Spracherwerbs zu verstehen und zu erklären ersuchten. Vier bedeutende Ansätze sind dabei der behavioristische, der nativistische, der kognitivistische und der interaktionistische.

Der behavioristische Ansatz

Der Behaviorismus ist eine Lerntheorie, ausgehend von B. F. Skinner, die großen Einfluss ausübte in den USA der 40-er und 50-er Jahre. Lernen wird hierbei als Aneignung von Verhaltensweisen durch Nachahmung verstanden und basiert auf den Untersuchungen und Ergebnissen der Tierexperimente des russischen Psychologen Iwan Pawlow. Er untersuchte das Verhalten von Tieren bzw. die unterschiedlichen Reaktionen der Tiere auf bestimmte gegebene Reize. Reaktionen (responses) lassen sich nach Pawlow unterteilen in Reflexe, die angeboren und kaum beeinflussbar sind (reflex responses) und jene die durch einen bestimmten Reiz(stimulus) beeinflussbar und bedingt sind, die so genannten ermitted responses. Dies untersuchte er an Hunden, bei denen es zum Speichelfluss kommt (reflex response), wenn sie Futter( stimulus) sehen. Wird dieser Stimulus mit einem Weiteren gekoppelt, beispielsweise ein Glockenläuten, genügt dieser zweite Stimulus bald allein aus,um Speichelfluss beim Hund zu erzeugen, der somit zu einer bedingten Reaktion (ermitted response) wird. Bei dem behavioristischen Ansatz wird dieses Stimulus- Response- Prinzip auf das komplexe Verhalten des Menschen übertragen. Ausgehend von der Annahme, dass jeder Mensch über einen angeborenen allgemeinen Lernmechanismus verfügt, ist er dazu befähigt durch Nachahmung das sprachliche Verhalten seiner Umgebung zu erwerben. Sprache wird durch Imitation und Verstärkung nach dem trial-and-error-Prinzip, das heißt „Lernen am Erfolg“ erworben. Die sprachliche Umwelt reagiert positiv verstärkend auf „richtige“ Lautäußerungen eines Kleinkindes, zum Beispiel durch Lob und andererseits negativ oder gar nicht auf „falsche“ Äußerungen. Die ständige Verstärkung einer Äußerung durch die Umwelt festigt diese immer mehr im Gedächtnis des Kindes und wird damit in ein bestimmtes sprachliches Verhalten hinein konditioniert. Demzufolge erfolgt der Spracherwerb passiv und ist durch die Umwelt gelenkt.

Der nativistische Ansatz

Das nativistische Ansatz wurde vom Linguisten Noam Chomsky entwickelt. Nativistisch bedeutet dabei, dass von einer angeborenen Fähigkeit ausgegangen wird. Die meisten Vertreter dieser Theorie nehmen demzufolge an, dass es einen angeborenen Apparat für die Sprachentwicklung gibt, den so genannten Kursiver TextLanguage acquisition device (LAD). Nach chomsky erlernt ein Kind eine Sprache nicht Satz für Satz, sondern erwirbt spezifische Regeln, die so komplex sind, dass ihr Erwerb nur durch einen angeborenen Spracherwerbsmechanismus (LAD) erklärt werden kann. Mit Hilfe des LAD erwirbt ein Kind Sprache unabhängig von seiner kognitiven Entwicklung. Zeichen hierfür sind (fehlerhafte) Formen, die Kinder nach einem bereits verinnerlichten Muster generieren. Bei Äußerungen wie Ich habe das ausgeschneidet. oder Das sind drei Hause. spricht man demnach von Übergeneralisierung. Spracherwerb ist demzufolge Regelerwerb. Jeder Mensch wird mit einer sprachspezifischen Fähigkeit geboren, die es uns ermöglicht Regeln aus gehörtem sprachlichen Input abzuleiten. Sprache wird demnach intuitiv-unbewusst erworben.

Der kognitivistische Ansatz

Wichtigster Vertreter der kognitivistischen Theorie ist der Schweizer Jean Piaget. Spracherwerb basiert ihm zufolge auf der kognitiven Entwicklung des Kindes und steht im Einklang mit seiner allgemeinen Entwicklung. Die Ausbildung der motorischen, begrifflichen und sozialen Intelligenz ist daher entscheidend für den Spracherwerb. Wichtig ist dabei, dass das Kind lernt die Objektpermanenz (Dinge sind auch noch da, wenn man sie nicht sieht.) und die Symbolfunktion (von Gegenständen und Abstrakta) zu denken. Diese Denkleistung befähigt dazu die Sprache als System von lautlichen Symbolen für vorhandene und nicht vorhandene Objekte verwenden zu können, also Repräsentationsfunktion der Sprache zu erkennen und sich ihrer zu bedienen.

Der interaktionistische Ansatz

In der interaktionistischen Theorie wird den sozialen Voraussetzungen eine Schlüsselrolle zugeschrieben. Sie geht davon aus, dass Verlauf und Ergebnis des Spracherwerb daher rühren, dass jeder Mensch von Geburt an nach Austausch strebt. Es besteht demnach eine Art angeborenes Programm, dass den Menschen anweist mit der belebten, personalen und sozialen Umwelt zu interagieren. Andererseits verfügen erwachsene Bezugspersonen über eine (unbewusste) Kompetenz die Interaktion mit dem Kind zu gestalten. So erklärt sich, dass Kinder schon früh zu komplexen Imitationsleistungen fähig sind und komplementäre Handlungsteile im Kommunikationsprozess gestalten kann. Kinder sind demnach mit Lernbereitschaft und Lernfähigkeit ausgestattet. Der konkrete Spracherwerb erfolgt in der Interaktion mit der Umwelt.

Quellen

Dietrich, Rainer (2007): Psycholinguistik, Stuttgart.

Bickes, Hans / Pauli, Ute (2009): Erst- und Zweitspracherwerb, Paderborn.

Grießhaber, Wilhelm (2010): Spracherwerbsprozesse in Erst- und Zweitsprache. Eine Einführung, Duisburg.

Roche, Jörg (2005): Fremdsprachenerwerb.Fremdsprachendidaktik, Tübingen/ Basel.

Weblinks

Wie erwerben Kinder Sprache(n)?